Glaubensgespräch #5

Das Gespräch können Sie hier nachhören oder downloaden:

Pater Trauner! Bei unserem letzten Glaubensgespräch haben Sie behauptet, daß sich so manche sogenannte „Traditionalisten“ nicht um die Wahrheit kümmern. Das ist ein schwerwiegender Vorwurf, den viele sicherlich nicht hinnehmen werden.
Sie haben gezeigt, wie die Theologie nicht stimmt bei jenen, welche zwar die Konzilspäpste als rechtmäßige katholische Päpste anerkennen, ihnen aber Glaubenszustimmung und Glaubensgehorsam verweigern.
Können Sie diesen Vorwurf, daß diese „Traditionalisten“ mit der Wahrheit nichts am Hut haben, auch noch anderweitig begründen? Es sind ja nicht alle unsere Hörer Theologen …


Natürlich kann ich noch eine ganze Reihe von Fakten anführen, welche belegen, daß sich so manche „Traditionalisten“ nicht viel um die Wahrheit kümmern.
Ideen haben Konsequenzen. Jede Glaubenswahrheit hat vielfältige Konsequenzen. Auch sind alle Glaubenswahrheiten miteinander verknüpft – denn es gibt ja nur eine einzige, ungeteilte Wahrheit. Darüber haben wir ja in vergangenen Glaubensgesprächen bereits ausführlich gesprochen.
Sobald jemand also auch nur ein Jota, eine Kleinigkeit verschiebt in der Glaubenslehre oder in seiner Auffassung von einer Glaubenswahrheit, so muß sich dies früher oder später auch äußerlich zeigen; es muß Folgen haben im Glaubensleben …

Darf ich hier nachhaken: Ist dem zwangsläufig so? Muß jede Einzelheit der Glaubenslehre irgendwie äußerlich erkennbar sein?

Ja, natürlich! Bei einem Einzelmenschen kann vielleicht noch eine gewisse Zeit lang das Abweichen von der Glaubenslehre verborgen bleiben; für gewöhnlich aber zeigt es sich auch sehr bald äußerlich in einer Veränderung, etwa in der Gebetsweise oder in sonstigen Handlungen. – Bei einer Gemeinschaft sind aber äußerlich feststellbare Auswirkungen unvermeidlich, da ja die Glaubenslehre die Grundlage jeglicher Einheit ist. Auch andere natürliche Faktoren spielen eine Rolle bei der Erhaltung der Zusammengehörigkeit in einer Gruppe. Ohne die einheitliche Glaubenslehre aber fällt alles in kürzester Zeit auseinander.

Worin kann man also das Abweichen dieser falschen „Traditionalisten“ – nennen wir sie Pseudotraditionalisten – von der Glaubensregel jetzt konkret sehen?

Ganz klar sieht man es seit 2012 im Umfeld der Piusbruderschaft. Es hat sich eine „Widerstandsbewegung“ formiert, welche sich aber sehr schnell wieder in verschiedene Richtungen aufgespalten hat. Denn sie alle weigern sich, ein wesentliches theologisches Problem zu lösen, welches auch die Piusbruderschaft immer umgangen hat: Das Problem der höchsten Autorität in der Kirche, des Papstes. Alle stehen auf der gleichen Grundlage, nämlich auf Treibsand und nicht auf festem Boden.
Man kann auch ein gravierendes Problem feststellen, wenn man die Äußerungen etwa der Pius- oder Petrusbruderschaft während der vergangenen Jahrzehnte mit dem vergleicht, womit jetzt vier modernistische „Kardinäle“ Franziskus (Herrn Bergoglio) konfrontiert haben. Sie haben ja „Zweifel“ angemeldet an mehreren Aussagen seines Dokuments „Amoris laetitia“, welches die katholische Lehre von Ehe, Familie und die Sakramentenordnung über den Haufen wirft. Mehrere andere „Kardinäle“ haben zum Teil sehr heftig auf die kaum verhüllten Vorwürfe dieser vier „Kardinäle“ reagiert. Bergoglio hat einfach keine Antwort gegeben.
Manche „Kardinäle“ haben festgestellt, daß man ja dem Papst als dem obersten Glaubenslehrer, als Nachfolger Petri, stets folgen müsse, wenn er sich in Glaubensfragen äußert.

Damit haben sie ja im Grunde hundertprozentig recht! Wie Sie letztes Mal klar gesagt haben – und wie jeder Katholik wissen sollte – gibt es keine Wahl, ob ein wahrer Katholik dem wahren Papst folgt und gehorcht oder nicht. Entweder man anerkennt Bergoglio als den katholischen Papst, und dann schuldet man ihm Glaubensgehorsam, wenn er in Fragen des Glaubens oder der Sitten spricht, man feiert dieselbe Liturgie wie er, man unterwirft sich den Gesetzen, die er im Namen Christi auferlegt; oder man anerkennt ihn als Häretiker und Apostaten, welcher nicht der wahre Papst, das Oberhaupt der Kirche und der Stellvertreter Christi ist, und muß sich von ihm trennen.

Genau so ist es. Bergoglio als echten katholischen Papst anerkennen, ihm jedoch widerstehen in Fragen des Glaubens und der Sitten; die Liturgie, die er feiert, ablehnen oder als schädlich verurteilen; den von ihm eingeforderten Gesetzen nicht gehorchen – das geht nicht! Und es geht vor allem nicht unter Berufung auf „die Tradition“, wie wir gesagt haben. Denn die apostolische Tradition ist nur die entfernte Norm des Glaubens. Auf sie kann und darf ich mich nur berufen, wenn ich mit Sicherheit weiß, daß kein Papst und kein Bischof da ist.
Die Modernisten kennen noch einigermaßen die Theologie, wenn es darauf ankommt. Aber natürlich wenden sie diese nach Belieben und völlig falsch an – hier auf einen Apostaten, welcher ganz sicher nicht der katholische Papst ist.
Die Pseudotraditionalisten und Konservativen möchten und können dies aber nicht gelten lassen. Nicht zufrieden damit, die Schläge zu zählen, welche die mehr oder weniger modernistischen „Kardinäle“ abtauschen, sehen sie sich ja als Richter in Glaubensfragen. Sie „wissen ja, was der Tradition entspricht“ und äußern sich dementsprechend. „Weihbischof“ Bernard Tissier de Mallerais hat ja tatsächlich bei einer Predigt in Basel behauptet (ca. 1990/ 91), das Lehramt sei gewissermaßen von Rom nach Écône übergegangen!!! Prägnanter kann man das Unkatholische des Standpunktes der Piusbruderschaft und aller, die im „Anerkennen&Widerstehen“-Lager kämpfen, gar nicht formulieren.
Für Bergoglio und seine „Kardinäle“ – welche ja allesamt Modernisten sind – sind die Pseudotraditionalisten nichts anderes als das unnötige fünfte Rad am Wagen.
Denn die progressiven Modernisten unter ihnen scheren sich mitnichten um Dogma, Papstamt und dergleichen; für sie sind also diese Pseudotraditionalisten nur Ewig-Gestrige.
Die gemäßigten Modernisten – wie etwa die vier „Kardinäle“ – und gewisse Funktionäre der „Kurie“ – wie etwa „Kardinal“ Müller, der oberste Hüter des modernistischen Glaubens – können ebenfalls mit den Pseudotraditionalisten nichts anfangen, weil diese ja nicht einmal genug Theologie kennen, um ernsthaft mitreden zu können.

Seit über vierzig Jahren spielen die modernistischen Römer mit den Pseudotraditionalisten Räuber und Gendarm, wobei man nie ganz sicher sein kann, wer gerade wer ist in diesem Spiel. Die Pseudotraditionalisten geben sich damit zufrieden, ihre Rolle im Spiel zu wechseln, wie sie es gerade für gut befinden – zu-gegebenermaßen ein unerfreulicher Zustand für beide Seiten, aber vor allem für die Pseudotraditionalisten.

Ja, die gottlosen Modernisten, die sich in Rom eingenistet haben, haben es stets verstanden, die Pseudotraditionalisten, die genauso unschädlich sind wie ein zahnloser Tiger, in ihr Spiel einzubinden. Denn das Letzte, was sie wollen, ist eine offene Abspaltung einer Randgruppe von ihrem Assisi-Pantheon der konziliaren Religionsfreiheit. Also haben sie sich beständig um die Zerstörung jedes wahrhaften Widerstandes gegen ihr modernistisches System bemüht.
Sie fahren also fort mit diesem unansehnlichen Räuber-und-Gendarm-Spiel, welches sie „die Herstellung der vollen kirchlichen Gemeinschaft“ nennen. Das kostet die Römer nicht viel.

Und warum? Es muß doch für sie ein Gräuel sein, wenn die Pseudotraditionalisten sie immer wieder der Ketzerei bezichtigen usw.

Weil die Pseudotraditionalisten von einer falschen Voraussetzung ausgehen: Daß die Apostaten in Rom die wahre Kirche Christi verkörpern und die Jurisdiktion besitzen – daß also der vorgebliche „Papst“ Bergoglio wahrer Nachfolger Petri und Vikar Christi ist. Wie „Pater“ Niklaus Pfluger 2012 gesagt hat: Rom schuldet der Piusbruderschaft die Jurisdiktion. Also führen die Römer als Katze die Pseudotraditionalisten – die Maus in diesem Spiel – an einer (fast unsichtbaren) Leine. Einmal lassen sie sie davonlaufen; dann wieder ziehen sie an der Leine, drohen mit Schisma und verhängen eine Exkommunikation, um dann das ganze unwürdige Spiel wieder von vorne beginnen zu lassen – und dies seit 1974, seit der ersten Welle der Verfolgung von Ecône durch die französischen Bischöfe, welche dann 1975 zur rechtlichen Aufhebung der Piusbruderschaft und 1976 zur Suspens a divinis von Erzbischof Lefebvre geführt hat!
Die Voraussetzung, daß Rom noch irgendwie katholisch ist, ist aber grundfalsch.

Das hat aber doch auch Erzbischof Lefebvre gesehen und laut gesagt: Rom hat den Glauben verloren, diese Päpste und ihre Handlanger sind in der Apostasie, das ist sicher, sicher, sicher … hat er gesagt.

Ja, das hat er gesagt, das kann jeder nachlesen. Aber zu jeder Zeit hat er die von den Glaubenslosen und Apostaten ausgestreckte Hand wieder ergreifen zu müssen geglaubt. Denn er hat letztlich nie die notwendigen theologischen Konsequenzen aus seiner Erkenntnis ziehen wollen oder können – genau bestimmen kann man das nicht.

Wie kann es so etwas geben – einerseits sehen, daß diese Leute, vorgebliche „Päpste“ und „Bischöfe“, den Glauben verleugnet haben; anderseits meinen, mit ihnen irgendwelche Kontakte pflegen zu sollen?

Die Pseudotraditionalisten meinen, die Wahrheit und der katholische Glaube könnten stückchenweise erworben werden. Deshalb haben sie Joseph Ratzinger in den Himmel gelobt, weil er immer wieder Dinge gesagt oder getan hat, welche sie als „mehr katholisch als vorher“ interpretiert haben. Die skurrilen und gotteslästerlichen Aussagen Benedikts über eine „ordentliche und außerordentliche Form“ des Meßritus im Jahre 2007 hat die Piusbruderschaft beispielsweise mit dem Singen des „Te Deum“, des Dankeshymnus der katholischen Kirche, in ihren Häusern quittiert. Ratzinger ist und war aber immer der Modernist schlechthin. Daher sagt er auch Vieles, was ein naiver Hörer als katholisch auffaßt, obwohl es nur Teil des dialektischen Wechselspiels ist, das dem doktrinären Modernismus zugrunde liegt.
Rom ist vom Glauben abgefallen – gerade Herr Bergoglio liefert ja täglich Beweise dafür. Die Pseudotraditionalisten meinen, dem mit ihrem vagen Traditionsbegriff begegnen oder gar abhelfen zu können. „Laßt uns das Experiment der Tradition machen“, hat es zu Zeiten von Wojtyla/Johannes Paul II. geheißen. „Wir müssen Rom die Tradition wieder bringen“, heißt es nun.

Haben wir es hier nicht mit einem Problem im Verständnis des Begriffs „Tradition“ zu tun? Das ist ja in erster Linie ein theologischer Begriff.

Die Pseudotraditionalisten haben einen völlig verkappten Begriff von Tradition, welcher überhaupt nichts zu tun hat mit der „traditio apostolica“, der apostolischen Tradition. Denn diese ist gleichbedeutend mit dem „depositum fidei“. Christus hat den Aposteln die ganze Wahrheit geoffenbart, und die Apostel haben sie an ihre Nachfolger, die Bischöfe, überliefert.
Von „Tradition“ in einem weiteren Sinne zu sprechen, ist zwar möglich – etwa von der Tradition des römischen Meßritus. Aber wenn es um das Depositum fidei geht, dann sprechen wir von Tradition in einem ganz spezifisch theologischen Sinn, nämlich von der getreuen Weitergabe der geoffenbarten Wahrheit und ihrer Verteidigung gegen jeden Irrtum.
Das ist aber vielen Pseudotraditionalisten überhaupt nicht mehr klar. Sie meinen, wenn traditioneller anmutende Lehren oder Praktiken in Rom toleriert würden, so wäre „die Tradition“ auf dem Weg zum Sieg; früher oder später würde Rom sozusagen „vom Glaubensabfall abfallen“ und damit automatisch wieder katholisch werden. Dabei hat der Modernismus ja unendlich viele Facetten. Wenn eine davon verändert wird, so heißt das doch bei Weitem nicht, daß damit der Modernismus aufgegeben worden ist! Man darf „traditionell“ nicht mit „konservativ“ verwechseln!
So wird zum Beispiel die Montini-Messe nicht dadurch katholisch, daß sie sich von der „traditionellen Messe“ befruchten läßt, wie Ratzinger dies gewünscht hat. Umgekehrt wird aber die katholische Messe gottlos, falls sie sich mit der neuen Messe auf irgend etwas einläßt … Die Unwahrheit und der Irrtum haben unendlich viele Schattierungen. Die Wahrheit aber ist aus einem Guß und sich selbst immer gleich, unveränderlich und mit jedem Anflug von Irrtum unvereinbar.

Hat dies ein Erzbischof Lefebvre nicht gesehen? Er hat doch immer wieder vom Glauben und von der Notwendigkeit des Glaubens gesprochen.

Hier muß ich wiederum auf eine entscheidende Wende in der Geschichte der traditionalistischen Bewegung hinweisen: Der Wechsel vom „Pontifikat“ Montinis zu Wojtyla Ende 1978.
Noch vor Jahresende hat dann Erzbischof Lefebvre Montini getroffen. Dann war er bei „Kardinal“ Seper, dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation. Dieser hat ihm in Aussicht gestellt, daß man in Rom erwägen könne, die traditionelle Messe wieder vermehrt zuzulassen. Erzbischof Lefebvre hat voll angebissen bei diesem Happen, den man ihm da hingeworfen hat! Man braucht nur seine Vorträge in Ecône zu hören, die er in den darauffolgenden Wochen gehalten hat. „Wenn das geschieht – daß die traditionelle Liturgie wieder in größerem Ausmaß gefeiert werden kann mit Zustimmung der Modernisten in Rom – dann wird alles bald wieder in Ordnung sein in der Kirche.“
Natürlich hat sich Erzbischof Lefebvre damals solchen Gedankenspielereien hingeben können – denn mehr ist daraus ja offenkundig nicht geworden. Rom hat bis 1984 gebraucht, um ein erstes Motu proprio für die Feier der traditionellen Messe zustande zu bringen. Durch diesen Zeitgewinn waren viele widerspenstige Priester – vor allem in Frankreich – gestorben, der wahre Widerstand war 20 Jahre nach Vatikan2 ziemlich klein geworden. Das hat Rom verstanden: Daß Erzbischof Lefebvre und viele seiner Anhänger das wahre Problem nicht verstanden hatten und sich auf einen Kampf um die Liturgie versteift haben, weil sie bei der damaligen Ansicht des Erzbischof geblieben sind: Liturgie gut, alles gut!
Man könnte es noch zugespitzter formulieren: Die Pseudotraditionalisten haben eine neue Häresie erfunden: Sie haben das dreifache „sola“ Luthers durch ein einziges ersetzt, nämlich „sola Missa“. Wenn nur die wahre hl. Messe gefeiert wird, dann ist auch schon alles in Ordnung, oder es wird sich wenigstens alles Übrige damit sehr schnell in Ordnung bringen lassen.

Worin bestand also der Fehler Erzbischof Lefebvres in der damaligen Situation?

Darin, daß er nicht weiter gesehen und gedacht hat! Natürlich hat die Liturgie einen hohen Stellenwert. Aber auf der theologischen Ebene hätten Erzbischof Lefebvre und die Pseudotraditionalisten aus dem Problem der Liturgie (das ja 1978 schon fast ein Jahrzehnt alt war!) entsprechende Schlüsse ziehen können und müssen. Das zu tun hat sich Erzbischof Lefebvre aber offensichtlich stets geweigert.
Ich wiederhole aus unserem letzten Gespräch diesen sehr wichtigen Sachverhalt:
„Kardinal“ Seper drängt Erzbischof Lefebvre Anfang 1979 in die Ecke und stellt ihm die Fragen: (1) Hat der Papst durch die Kundmachung und Vorschreibung des Novus Ordo Missae und die Gesamtheit der Bischöfe durch dessen Annahme eine neue, eine „konziliare“ Kirche, eine mit der katholischen Kirche von Grund auf unvereinbare Kirche errichtet und sichtbar um sich geschart? (2) Kann ein katholischer Papst eine Liturgie promulgieren, welche dem katholischen Glauben nicht entspricht oder ‚die Häresie begünstigen‘ kann? Erzbischof Lefebvre wollte oder konnte keine eindeutigen Antworten geben, sondern hat um den heißen Brei herumgeredet. Erzbischof Lefebvre geht den präzisen Fragen des Kardinals aus dem Weg, anstatt klare Antworten zu geben. (Erzbischof M. Lefebvre und das Hl. Offizium, Wien 1981, S. 156-158). Er erklärt viel später, daß er nie Rom die Tür zuschlagen wollte. Er hat immer gemeint, mit Verhandlungen etwas erreichen zu können. Deshalb bleibt er in einer wesentlichen Frage, nämlich jener der höchsten Autorität in der Kirche, unentschieden. Wie wir letztes Mal klar gemacht haben, hängt aber damit der katholische Glaube selber in der Luft, weil ja der Papst in allererster Linie oberster Lehrer in Fragen des Glaubens und der Sitten ist.

Wir sind letztes Mal bei der Frage stehen geblieben, ob mit der Erkenntnis und dem Eingeständnis der Vakanz des Stuhles Petri für den wahren Katholiken oder Traditionalisten alle Probleme gelöst sind. Sie haben zu verstehen gegeben, daß damit die Probleme erst richtig beginnen. Wollen Sie das nun bitte für unsere Hörer näher ausführen?

Zuerst einmal schließt diese Vakanz des Stuhles Petri, welche noch dazu mit dem Wegfallen der Diözesanbischöfe einhergeht, die Abwesenheit jeglicher ordentlichen Jurisdiktion mit ein. Das Lehramt und das Hirtenamt, beides wird nicht mehr in ordentlicher Weise ausgeübt. Denn das Lehramt gehört zum Hirtenamt.
Übrig bleibt das Heiligungs- oder Priesteramt.
Von Anfang an und bis heute gibt es Leute – darunter mehrere Priester – welche dafür halten, daß ohne Jurisdiktion gar nichts geht: Sie wollen, solange diese Situation besteht, nichts wissen von Priester- oder gar Bischofsweihen, weil sie sagen, daß dafür Jurisdiktion notwendig ist, und zwar sogar zur gültigen Spendung der Weihen.
Es ist hier nicht unsere Aufgabe, die theologischen Dispute aufzurollen, die sich an dieser Frage entzündet haben. Aber offensichtlich führt die Auffassung, daß es wegen des Ausfalls der Jurisdiktionshierarchie in der Kirche Christi auch keine Weihen geben könne, in eine Sackgasse. Denn damit ist die Kirche zum Aussterben verurteilt, weil nach spätestens drei Generationen – nach etwa 70 oder 80 Jahren – dann auch die allerletzten legitim geweihten Bischöfe und Priester sterben. Natürlich kann die Welt in den nächsten 20 bis 30 Jahren enden – aber dafür haben wir keinerlei Garantie, im Gegenteil: Gott hat sich das Wissen um den Zeitpunkt des Endes der sichtbaren Welt vorbehalten. Wir müssen also als Theologen mit dem wirtschaften, was wir haben …
Als zweiten Hinweis auf die ganz konkrete Absurdität dieser Theorie können wir die Tatsache anführen, daß ausnahmslos alle Priester – soweit mir das bekannt ist – weiterhin das Sakrament der Beichte spenden. Aber zu einer gültigen Absolution ist Jurisdiktion erforderlich, darüber gibt es keinen Zweifel! Etwas ähnlich ist auch der Fall des Ehesakraments. Hier behauptet ja ebenfalls niemand im Ernst, daß es aufgrund des Wegfallens der Hierarchie keine gültigen Ehen mehr gäbe!
Jedenfalls hat sich aus der verschiedenen Sichtweise unter denen, welche die Vakanz des Apostolischen Stuhles anerkennen, ein weites Feld für Dispute aufgetan.
Daraus ergibt sich ein wichtiges Argument „ad hominem“ für jene, welche die Vakanz des Stuhles Petri bestreiten: Die „Sedisvakantisten“ würden doch ständig nur herumstreiten; sie könnten sich nicht einigen in ihren theologischen Streitigkeiten. Das könne also nicht die Wahrheit sein oder die Lösung der aktuellen Probleme.
Es ist ein Argument, wie gesagt, rein und ausschließlich „ad hominem“. In Wirklichkeit hat es keine Überzeugungskraft.
Wir können es im Gegenteil sogar zu unseren Gunsten verwenden!

Das klingt natürlich sehr interessant. Würden Sie das bitte näher ausführen!

Die konkrete Situation der Sedisvakanz, wie sie nunmehr besteht, ist von keinem Theologen behandelt worden. Nie hätte sich einer von ihnen vorstellen können, daß es so kommt: Daß nicht nur der katholische Papst wegfällt, sondern zugleich auch die ganze Jurisdiktionshierarchie! Das ist ein Zustand, den sich niemand jemals vorge-stellt hat. Die Frage des häretischen oder sogar des schismatischen Papstes ist zwar erörtert worden – aber immer unter der gedanklichen Voraussetzung, daß der Rest der Hierarchie aufrecht stehen bleibt und dem katholischen Glauben treu ist. Von daher rühren die recht verschiedenen Lösungsansätze bei den Theologen!!! Für die Meisten sieht es so aus, als wäre die Sichtbarkeit der Kirche weg, was bedeuten würde, daß die Kirche von den Pforten der Hölle überwältigt worden ist.

Vielleicht können Sie unseren Hörern dazu eine Stelle aus dem Lehramt anführen, welche sie auf die richtige Spur bringt!

Papst Leo XIII. schreibt am 29. Juni 1896 in seiner Enzyklika „Satis cognitum“ über die Einheit der katholischen Kirche (Reihe „Freude an der Wahrheit“, Nr. 83, Wien 1986, S. 6; Heilslehre der Kirche, Nr. 606-607):

Christus, das Haupt und das Vor-Bild der Kirche ist es nicht voll und ganz, wenn man in Ihm (wie es die Photinianer und Nestorianer tun) bloß die sichtbare, menschliche Natur sieht; oder wenn man (nach Art der Monophysiten) nur die göttliche, unsichtbare Natur annimmt. Er ist vielmehr Einer aus jeder der beiden und in beiden Naturen: der sichtbaren und der unsichtbaren. Ebenso ist Sein Mystischer Leib nur deshalb die wahre Kirche, weil deren sichtbare Bestandteile ihre Kraft und ihr Leben aus den übernatürlichen Gaben und aus jenen anderen Quellen schöpfen, aus denen ihre Natur und ihr Wesen hervorgeht. Da nun einmal die Kirche nach dem Willen und der Anordnung Gottes so gestaltet ist, so muß sie in dieser Beschaffenheit auch ohne Unterbrechung für ewige Zeiten verbleiben.“

Das Amt des Papstes, des Nachfolgers Petri, gehört zu den sichtbaren Elementen der Kirche. „Petrus stirbt nicht“ in dem Sinn, daß eine legitime Nachfolge im Papstamt bis ans Ende der Zeiten möglich sein muß. Jeder einzelne Papst aber stirbt. Also gehört der Papst nicht in dem Sinne notwendig zur Kirche, daß es zu jedem Zeitpunkt einen Papst geben muß; sonst müßte ja der Nachfolger jeweils noch zu Lebzeiten des regierenden Papstes bestimmt werden, was aber nie der Fall war.
Der Papst hat die Aufgabe, als oberster Lehrer Garant der Glaubenswahrheit zu sein. Auf der Glaubenswahrheit aber beruht wieder die Einheit der Kirche.
Als oberster Hirte steht der Papst nicht nur über den einzelnen Bischöfen, sondern auch über dem Stand der Bischöfe insgesamt, wie es Papst Leo XIII. ausführlich in derselben Enzyklika darlegt.
Es ist sehr wohl möglich, daß es auch über einen längeren Zeitraum keinen Nachfolger Petri gibt.
Es ist aber ganz und gar unmöglich, daß die Einheit der Glaubenslehre aufhört. Wenn Ratzinger behauptet, die Lehren von Vatikan2 stünden in Kontinuität mit der Lehre der katholischen Kirche; oder wenn „Kardinal“ Müller dasselbe von „Amoris laetitia“ von Herrn Bergoglio behauptet, obwohl das Gegenteil klar ist, dann muß der Katholik daraus schließen, daß, weil sich die Lehre der Kirche nicht in ihr Gegenteil verändern kann, die Herren Bergoglio, Müller und Ratzinger im Glaubensirrtum sind und nicht die Stellvertreter Christi und damit Teil der lehrenden Kirche sein können.
Es ist sehr wohl möglich, daß es eine Zeitlang keine Ortsbischöfe oder Bischöfe mit ordentlicher Jurisdiktion gibt.
Es ist aber ganz und gar unmöglich, daß es keine gültig geweihten Bischöfe oder Priester mehr gibt; denn damit wäre die Kirche dem Aussterben und dem Untergang geweiht.

Es steht also fest, daß es keine vorgefertigte Lösung für die heutigen Probleme bei den früheren Theologen gibt. Noch viel weniger hat sich das kirchliche Lehramt über eine Situation, wie sie jetzt besteht, geäußert. Welche Konsequenzen hat dies also für die wahren Katholiken?

Es liegt auf der Hand, daß es theologische Dispute geben muß bei der Behandlung der Fragen, welche sich aus einer solchen Situation ergeben. Daß solche Dispute nicht immer auf der wissenschaftlichen Ebene geführt werden, liegt leider in der menschlichen Natur. Manchmal erhitzen sich die Gemüter und verdunkeln den Verstand …
In diesen Diskussionen und Disputationen, welche sich über viele Jahrzehnte hinziehen – und welche auch weiter gehen werden – zeigt sich, daß unsere Voraussetzung stimmt: Daß es nämlich kein Lehramt gibt, welches die theologischen Fragen für alle verbindlich klärt. Wir haben keinen Papst und keine residierenden Bischöfe oder Ordinarien, welche Streitfragen entscheiden könnten.
Christus hat uns des täglich ausgeübten Lehramtes des Papstes, seiner Dikasterien und der mit ihm verbundenen Bischöfe beraubt. Wir müssen uns also mit dem behelfen, was dogmatisch und theologisch gesichert ist.

Bedeutet das nicht, daß wir uns bzw. daß sich die wahrhaft katholischen Theologen, Priester, Bischöfe damit auf ein Terrain begeben, wo es „Grauzonen“ gibt, wie manche sagen würden?

Gerade nicht. Denn wenn wir das für bare Münze nehmen, was die Kirche gesagt hat, dann befinden wir uns im hellsten Licht und nicht in einer Grauzone.
Hinsichtlich des Lehramtes der Kirche und ihres Selbstverständnisses ist bereits alles gesagt worden vom Lehramt. Der Kampf gegen die protestantischen Häresien; das anti-liberale Lehramt von Päpsten und Bischöfen über zweieinhalb Jahrhunderte hinweg; der Abwehrkampf gegen die sich im Modernismus aufbäumenden Irrtümer – all das ist eine sehr weitläufige und äußerst solide Grundlage für eine Standortbestimmung des wahren Katholiken in der heutigen unglaublichen, aber eben doch realen Situation.
Alle Traditionalisten haben dies erkannt. Aber nur die wenigsten unter ihnen nehmen die ganze Tragweite der Krise wahr. Deshalb klammern sie die dogmatische und theologische Lehre etwa über das Lehramt aus, wenn es um das Papstamt geht.
Dies hat wiederum weitreichende Folgen: Viele meinen, sich mit Kompromissen zufrieden geben zu können – denken Sie etwa an die Annahme der liturgischen Bücher von 1960 – 1962 in der Petrus- und Piusbruderschaft und in allen möglichen Indult- oder Motu-proprio-Vereinen.

Man hat – etwa von „Pater“ Niklaus Pfluger von der Piusbruderschaft – gehört, es müsse doch früher oder später eine „Normalisierung gegenüber Rom“ geben. Was haben Sie dazu zu sagen?

Je simpler und einleuchtender die Begriffe oder Konzepte klingen, umso vorsichtiger muß man sein. Denn hinter einem scheinbar sauberen Syllogismus versteckt sich oft ein ausgeklügelter Sophismus.
Das Wort „normal“ kommt in der Hl. Schrift nicht vor; bei den Kirchenvätern auch kaum oder gar nicht.
Was ist denn normal? Wer legt denn die Normen fest? Wohl doch nur Gott. Denn die Norm bedeutet: Richtschnur oder Gesetz. Aber nur Gott ist höchster Gesetzgeber und Richter.
Wir haben schon am Anfang dieser Glaubensgespräche auf die heute vorherrschende Geisteshaltung des Nominalismus oder Positivismus hingewiesen. Das wird als Gesetz angenommen, was positiv oder nominell vorgeschrieben worden ist – von einem Parlament, einem Despoten oder von wem auch immer – ohne Beziehung zum Naturgesetz oder zum ewigen Gesetz.
So geht man denn auch heute mit dem Begriff „normal“ um. In vielen Ländern ist es „normal“, daß ungeborene Personen durch Abtreibung getötet werden können. – Gott aber hat dies strengstens verboten. In manchen Ländern ist selbst die historische Wahrheit per Gesetz oder Verordnung normiert worden, sodaß niemand davon abweichen kann, ohne durch Repressalien belangt zu werden …
In Rom hat sich 1965 eine neue Normalität breit gemacht. Die meisten nominellen Katholiken begnügen sich damit, wie geistloses Vieh selbst die haarsträubendsten Widersprüche zur geoffenbarten Wahrheit mit einem laut geblökten „Ja und Amen“ hinzunehmen. Andere wieder meckern herum und beschweren sich über die Veränderungen, ohne deren Wesen zu erfassen. – Wir brauchen dazu nur die täglichen Meldungen des Leeramtes (leer hier mit zwei „e“) von Herrn Bergoglio und die entsprechenden Reaktionen des „mündigen Kirchenviehs“ anzuschauen. Bergoglio erweist sich auf Schritt und Tritt als Apostat von der wahren Religion – aber das scheint so gut wie niemanden mehr aufzurütteln. Die große Zahl selbst jener, welche sich noch als Katholiken bezeichnen, finden nichts dabei, wenn der Mann die Natur Gottes leugnet und lächerlich macht; wenn er das, was Katholiken immer als „das Allerheiligste“ bezeichnet haben, nun auch öffentlichen Sündern zu geben vorschreibt (damit befindet er sich aber im traurigen Einklang mit Wojtyla, dem polnischen Papst, der im Codex der Neukirche etwas ganz Ähnliches, ja noch viel Schlimmeres vorgeschrieben hat: Daß Orthodoxen und Protestanten auch die katholischen Sakramente gegeben werden sollen, wenn sie darum bitten und ein paar Voraussetzungen erfüllen – siehe Canon 844.3-4); wenn er den Zerstörer der Einheit des christlichen Abendlandes, Martin Luther, in den Himmel lobt usw.
Der Begriff „normal“ oder „Normalität“ hat also nur einen Sinn, wenn wir ihn für das nehmen, was er besagt. Gott hat seine Geschöpfe genormt, d. h. Er hat ihnen eine bestimmte Natur verliehen. Nur was der geschöpflichen Natur gemäß ist, kann als „normal“ bezeichnet werden.
Daß ein Mann und eine Frau sich durch einen öffentlich bekundeten Willensakt für das ganze Leben aneinander binden und damit eine Ehe eingehen und eine Familie gründen, ist normal.
Daß zwei Männer oder zwei Frauen ihren Willen kundtun, miteinander in geschlechtlicher oder häuslicher Gemeinschaft zu leben, kann nie als „normal“ bezeichnet werden. Gott hat ein derartiges Tun übrigens im Alten Bund sogar ausdrücklich mit der Todesstrafe belegt, um die Menschen zu lehren, daß es ein Natur- oder ewiges Gesetz gibt, das alle ausnahmslos befolgen müssen. Heute findet aber kaum einer etwas dabei, daß die Begriffe „Ehe“ und „Familie“ eine neue „gesetzliche Norm“ bekommen.
Keine menschliche Institution hat das Recht, solcherlei gesetzlich abzusegnen, denn Gott hat es ausdrücklich verboten. Ein solches positives Gesetz, das im Widerspruch steht zum gottgegebenen Gesetz, hat keine Verbindlichkeit – denn diese kann nur von einer grundlegenden Übereinstimmung mit dem ewigen oder natürlichen Gesetz kommen.
Wenn also heute manche denk- oder kampfesmüden Traditionalisten nach einer „Normalisierung“ seufzen und lechzen, so tun sie damit im Grunde nichts Anderes, als was Roncalli alias Johannes XXIII. mit dem Schlagwort „aggiornamento“ gewollt und getan hat: Anpassung an den Geist der Welt. „Heute sind die Dinge nun einmal so; warum sollen wir uns ewig dagegen wehren? Wir können doch nicht behaupten, alles besser zu wissen als die Anderen (nämlich „die Mehrheit“).“
Der hl. Paulus ruft den Christen zu, daß sie sich nicht diesem Weltzeitalter anpassen dürfen: nolite conformari huic saeculo. Wer sich der Welt anpaßt, wie dies Roncalli gewollt hat oder die Piusbruderschaft heute will, der wird mit dieser Welt zugrunde gehen.
In demselben Sinne dürfen wir uns nicht vormachen, daß eine Anpassung an das „heutige Rom“ irgend etwas besser machen würde. Die Glaubensregel zeigt uns, daß Rom den Glauben verloren hat. Warum sollten wir also jetzt zu diesem Rom gehen müssen um den Preis des Glaubensverlustes? Von einer solchen „Normalisierung“ will der wahre Katholik heute wie früher nichts wissen.

Was sind also die gültigen und sicheren Kriterien für die „katholische Normalität“ heute?

Wie die Existenz so vieler Pseudotraditionalisten und pseudotraditioneller Gemeinschaften zeigt, genügt ein einziges Kriterium nicht.
Das Bekenntnis des vollständigen katholischen Glaubens ist eine notwendige Voraussetzung. Wer auch nur in einem einzigen Punkt von einer dogmatischen oder theologisch sicheren Lehre abweicht, beweist damit, daß er sein privates Urteil über die Lehre Christi und der Kirche setzt.
Beachten Sie aber, was ich genau sage: Es geht hier um dogmatische Lehren und um Lehrpunkte, welche von den Theologen allgemein als verbindlich eingestuft worden sind, ohne formell dogmatisiert worden zu sein. Alles Übrige kann – im Rahmen der Vorgaben der Theologie – Gegenstand einer Diskussion sein. Inwiefern genau und unter welchen Umständen, darüber sprechen sich die Lehrbücher der Dogmatik deutlich aus.
Die zweifelsfrei gültige Bischofs- oder Priesterweihe ist ebenfalls eine notwendige Voraussetzung, aber kein für sich allein genommen genügendes Kriterium.
Die gemäß den neuen, postkonziliaren Weiheriten gespendeten „Sakramente“ müssen mindestens als zweifelhaft, im Falle der Bischofsweihe aber als offensichtlich ungültig betrachtet werden.
Hinsichtlich der Weihen von traditionalistischen und pseudo-traditionalistischen „Bischöfen“ und „Priestern“ hat es viele Diskussionen gegeben. Sowohl die von Erzbischof Ngo-Dinh Thuc als auch die von Erzbischof Lefebvre gespendeten Weihen sind angezweifelt worden, und zwar aus je verschiedenen Gründen. In beiden Fällen handelt es sich aber nicht um gerechtfertigte positive Zweifel, sondern um rein negative Zweifel, welche also auf keiner objektiv verifizierbaren oder einer sachlichen Diskussion standhaltenden Grundlage stehen.
Das Kriterium der „alten Messe“, also der Messe, die nach dem überlieferten Ritus gefeiert wird, ist inzwischen auch kein genügendes Unterscheidungsmerkmal mehr. Denn die Pseudopäpste haben ja sukzessive Kompromisse gemacht und die Feier der überlieferten Messe in ihrem Sammelsurium von Alt und Neu, von Wahr und Falsch zugelassen. Dies ist aber strengstens abzulehnen. Zuerst, weil diese Messen ja von höchstens zweifelhaft gültig geweihten Priestern gelesen werden. Und sodann, weil sie ja stets nur unter der Bedingung des „una cum“ gelesen werden können, also wenn der Priester und die teilnehmenden Gläubigen prinzipiell den Pseudopapst als den katholischen Papst anerkennen.
In diesem Punkt entwickelt sich die Lage weiterhin. In den 1970er Jahren und bis zum ersten Indult unter Wojtyla konnte man die traditionelle Messe als eine hinreichende Bedingung betrachten, weil sie ja vom modernistischen Rom verfolgt wurde. Deshalb wurde sie auch fast nur von Priestern gelesen, welche dafür auch Widerwärtigkeiten in Kauf genommen haben. Seit 1984 ist dies nicht mehr der Fall. Auf der einen Seite hat sich in dieser Zeit die theologische Reflexion im Punkt des „non una cum“ geklärt und ist verbreitet worden. Auf der anderen Seite ist mit dem Indult von Wojtyla dem Kampf gegen den Modernismus unter dem Banner der wahren heiligen Messe der Wind aus den Segeln genommen worden.
Im Pantheon der Neukirche scheint so gut wie alles möglich zu sein. Mittlerweile gibt es sogar konservative Novus Ordo Priester, welche die alte Messe und die neue Unmesse vermischen, dabei aber „non una cum Bergoglio“ zelebrieren, weil ihnen der Schwachsinn von Herrn Bergoglio nun doch zu weit geht.
Es gibt aber anderseits leider auch unter den zweifelsfrei gültig geweihten Bischöfen und Priestern, welche die überlieferte hl. Messe „non una cum Bergoglio“ lesen, nicht nur weiße Schafe!
Also muß neben der Rechtgläubigkeit und der sicher gültigen Weihe auch noch ein weiteres Kriterium hinzugefügt werden, nämlich der wahrhaft kirchliche Geist des jeweiligen Bischofs oder Priesters.

Wie weiß man, was zum kirchlichen Geist gehört?

Ich glaube, am besten faßt man es in die Worte: Wer sich an den Geist der kirchlichen Gesetze hält, so wie sie von jeher gegolten haben und 1917 kodifiziert worden sind, hat auch sicher den Geist der Kirche, der sich eben in den überkommenen Gesetzen ausdrückt.
Mir ist von einem Priester berichtet worden, der sagt, er fasse mehrere Meßstipendien in einer Messe zusammen, wenn er zu zahlreiche Stipendien hat. – Das ist gegen den Buchstaben und den Geist des Kirchenrechts. Denn die Kirche bestimmt ausdrücklich, daß auch jeder Anschein von Gewinnsucht von den heiligen Verrichtungen ausgeschlossen werden muß! Der Priester soll vom Dienst am Altar leben können, aber nicht versuchen, sich dadurch zu bereichern.
Ein anderer Priester gibt vor, die Bischofsweihe empfangen zu haben. Er wird aber nie als Bischof tätig, so weit ich sehen kann. Da muß man sich fragen, wie ernst so etwas zu nehmen ist. Denn jemand ist nicht katholischer Bischof oder Priester für sich selbst.
Wieder ein anderer Fall ist jener, wo ein Priester sagt, er bete das Brevier nicht mehr. Denn es gäbe ja niemanden, der die Beobachtung des Kirchenrechts einfordert, da kein Papst da sei. – Die Voraussetzung stimmt: Wenn keine Exekutive vorhanden ist, so fehlen den Gesetzen die Kraft, sie einfordern zu können. Wenn es keine Polizei oder Ähnliches in einem Gemeinwesen gäbe, so würde bald das größte Chaos herrschen. – Aber in der Kirche geht es ja um mehr als nur die gute äußere Ordnung, nämlich um das Seelenheil. Der Priester hat aber bei seiner Subdiakonatsweihe die schwere und feierliche Verpflichtung übernommen, den Zölibat zu halten und das Brevier täglich zu beten. Es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum diese persönliche priesterliche Verpflichtung aufhören sollte, nur weil es nun halt schon längere Zeit keinen Papst gibt!
Solche und ähnliche Probleme gibt es nur dort, wo die wirkliche Natur der aktuellen Krise nicht theologisch richtig erfaßt wird – aus welchen Gründen auch immer. Der Stuhl Petri ist aktuell nicht von einem katholischen Papst besetzt, das Papstamt wird deshalb nicht ausgeübt.
Das heißt aber keinesfalls, daß die Kirche damit aufgehört hätte oder die Katholiken sich in einer Art übernatürlichem Nirwana befänden. Wir wissen mit der absoluten Sicherheit des übernatürlichen Glaubens, daß die Kirche nicht aufhören kann. Sie kann von den Pforten der Hölle nicht überwältigt werden. Christus hat ihr seinen Beistand versprochen bis zum Ende der Tage.
Auch der Stuhl Petri kann nicht vergehen – er hat aber derzeit keinen katholischen Inhaber.
Es gibt kein aktuell ausgeübtes Lehramt – die Lehre Christi und der Kirche bleibt aber bestehen.
Deshalb können und müssen die wahren Katholiken – jeder an seinem Platz – den Geist der Kirche, das ist, den Geist Christi bewahren und sich von ihm lenken und leiten lassen.

Kommen wir damit nicht sehr rasch zu einem Punkt, wo in der Praxis im christlichen Leben das Recht des Stärkeren gelten muß? Es gibt ja keine Autorität, die richten, schlichten oder entscheiden könnte …

Ganz richtig, hier liegt eine eminente Gefahr für das christliche Leben. Viele wissen sie nicht zu umschiffen und nehmen deshalb Schaden an ihrer Seele.
Aber so ist das christliche Leben immer gewesen: Der Glaube ist der Anfang des Heils – aber er allein genügt nicht. Denn der Glaube ohne die Werke ist tot, wie die Kirche nicht erst gegen Luther festgestellt hat, sondern wie es bereits die Apostel klar sagen und schreiben.
Christus selber spricht nicht nur von einem weitgehenden Verschwinden des Glaubens vor seiner Wiederkehr – durch seine rhetorische Frage: „Wird der Menschensohn, wenn er wiederkommt, Glauben finden auf Erden?“
Er sagt auch voraus, daß die Liebe bei vielen erkalten wird in den Bedrängnissen, welche seiner Wiederkehr vorausgehen werden. Und genau so ist es eben jetzt.
Wir müssen also mehr denn je den Geist Christi pflegen und hüten. Der Geist Christi, welcher die Kirche beseelt, ist aber der Hl. Geist, „fons vivus, ignis, caritas – Lebensglut, Licht, Lieb‘ und Glut“, wie es im „Veni, Creator“ heißt. Wir müssen für die Gnade des Glaubens unendlich dankbar sein. Aber wir dürfen deshalb nicht auf andere herabschauen. Denn wir haben nichts Gutes aus uns selber, alles ist Gnade, d. h. Geschenk von Gott. Ohne Christus und ohne seinen lebendigen Einfluß können wir nichts tun, was unserem Seelenheil nützt, gar nichts …

Was heißt das konkret für die Gläubigen?

Ganz konkret heißt das: Vorsicht, Vorsicht und nochmals Vorsicht, wenn es um Streitpunkte geht.
Oft stelle ich fest, daß Katholiken Vieles wissen. Aber nur allzu oft meinen sie, sie wüßten alles, und vor allem sie wüßten alles besser. Das ist immer eine schlechte Ausgangslage.
Die meisten Streitigkeiten, Anfeindungen u. dgl. beruhen zuerst einmal auf menschlichem Stolz und meist auch auf Dummheit, wenigstens im Sinn von Unwissenheit. Man hört etwas – meist nur aus zweiter oder dritter Hand – und zieht dann seine Schlußfolgerungen. Die elektronische Kommunikation, die per Knopfdruck und praktisch mit Lichtgeschwindigkeit erfolgt, tut das ihrige dazu, um solche Situationen zu vergiften. Anstatt wachsam zu sein, zu beten, sich die Sache ruhig und vielleicht noch ein zweites oder drittes Mal durch den Kopf gehen zu lassen, reagiert man, und dann ist der Schaden auch schon geschehen.
Man könnte deshalb auch sagen: Vorsicht! Rücksicht! Nachsicht!
Vorsicht, um Glaubensfragen oder Fragen, die mit dem Glauben in Zusammenhang stehen, so objektiv wie möglich anzugehen.
Rücksicht aus christlicher Nächstenliebe auf den Stand und den Zustand des Anderen. Glaubensirrtümer müssen bekämpft und beim Namen genannt werden. Insofern aber bei einem Gegenüber keine Gelehrigkeit vorhanden ist, ist es besser für beide Seiten, die Diskussion abzubrechen. Wenn man die Glaubenswahrheit bekannt und klar als solche hingestellt hat, hat man in dieser Beziehung seine Pflicht getan. – Handelt es sich um Dinge, welche nicht direkt den Glauben betreffen, so gibt es für gewöhnlich nichts zu streiten; denn dann soll jeder seine Meinung haben, solange sie auf guten Argumenten beruht. – Normalerweise müssen die strittigen Punkte direkt, von Angesicht zu Angesicht besprochen werden. Internetforen u. ä., wo man dem Gegner nicht gegenüber steht, verleiten nur allzu leicht dazu, sich Pflastersteine an den Kopf zu werfen, also sich gegen die geschuldete christliche Liebe zu verfehlen …
Nachsicht! Gott ist Richter über die Gewissen. Wir können Ihm das Richten also ruhig anheimstellen. Für uns gibt es im schlimmsten Fall keinen zweiten Anlauf, wenn nämlich der Andere nichts von der Wahrheit wissen will. Solange aber der Atem währt, währt auch die Hoffnung. Wenn meine Worte auch keine unmittelbare Wirkung haben, ist vielleicht doch etwas davon hängen geblieben …
Streitigkeiten unter Traditionalisten beruhen oft, wie schon gesagt, auf mangelndem Wissen, und es geht nicht um wirkliche Glaubensfragen. Deshalb ist es besser, nicht viel zu reden, sondern rechtzeitig Klärung zu suchen, etwa durch einen Priester oder durch geeignete vertiefende Lektüre.

„A little bit of knowledge is a dangerous thing“, nicht wahr? „Ein kleines bisschen an Wissen ist ganz schön gefährlich!“

Ja, das trifft den Nagel auf den Kopf. Vieles weiß man nur vom Hörensagen, und dann liegt man falsch, wenn man der Sache nicht auf den Grund geht.
Manchmal handelt es sich um Mißverständnisse. Neben der sachlichen Klärung hilft dann auch die ganz grundlegende Haltung, welche der hl. Ignatius am Anfang seines Exerzitienbüchleins erwähnt und fordert: Man soll stets bereit sein, die Aussage des Anderen eher zu retten als zu verwerfen.

Die Wahrung, Verteidigung und Ausbreitung des Glaubens muß also stets in Übereinstimmung mit dem Gebot der christlichen Liebe erfolgen.
Pater Trauner, danke für das Gespräch.

Ich danke Ihnen. Hoffentlich hören wir uns bald wieder.
Gelobt sei Jesus Christus!

In Ewigkeit. Amen.

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