Glaubensgespräch #2 – Der Christ

moderne Sprachregelungen und Dialektik

Das Gespräch können Sie hier nachhören oder downloaden:

verwendete Unterlage: „Kompendium der christlichen Lehre“, hl. Papst Pius X.

Gliederung:

Frage 1 – 4

Volk ohne Glaubenswissen geht zugrunde;
Glaubenswissen von kath. Kirche verlangt
– Heutige Menschen sind religiöse Analphabeten

Frage 5 – 8

Sprachregelungen hinterfragen: z.B. volksliturgisches Apostolat, Unterbewusstsein, drittes Geschlecht…

Frage 9

Religionsfreiheit: entzieht der wahren Religion die Daseinsberechtigung
Ökumenismus: von P. Pius XI. bereits verurteilt

Frage 10 – 13

Grundlegende Fragen:
Wer bin ich? → Seid ihr ein Christ? Wer ist ein wahrer Christ?

Frage 14 – 16

Definitionen beachten: jedes Wort ist wichtig, lebenswichtig

Frage 17

Logisches Denken erforderlich

Frage 18

Dreischritt zum Erlernen des Katechismus
Lesen – verstehen – ausführen
Sinne – Verstand – Handlung
Laut lesen – auswendig lernen – umsetzen mit Gottes Hilfe

Frage 19

Richtiges Denken braucht Schlussfolgerung und Widerspruchsprinzip

Frage 20 – 21

Nominalismus und Positivismus sind falsche Philosophie

Frage 22 – 23

Richtige Unterscheidungen machen
– Katechismus besteht aus richtigen Unterscheidungen
Rechtes Unterscheiden klärt Sachverhalte; sie werden zusammen-gedacht
Falsches Unterscheiden – moderne Dialektik: Sachverhalte werden durcheinander gebracht, vermengt, entstellt

Frage 24 – 25

Vergleich: Erbsündenlehre
kath. Lehre: Menschl. Natur durch Erbsünde verwundet; Sünden werden vergeben, Mensch zu gutem, verdienstlichem Handeln fähig.
Luther behauptet: Natur des Menschen völlig verdorben, der Mensch muss sündigen; Sünden werden nur zugedeckt.

Frage 26 – 30

Zusammenfassung
Der wahre Christ muss
– getauft sein,
– die kath. Lehre kennen, bekennen und
– rechtmäßigen Hirten gehorchen

Klares Denken ist zum rechten Verständnis erforderlich!

(1) Herr Pater Trauner, Sie haben sich in unserer ersten Sendung vorgestellt und unseren geistigen Appetit geweckt. Seit Sie als unabhängiger Priester wirken, sind Sie, wie Sie gesagt haben, Monat für Monat auf theologische Fragen oder Themen gestoßen, welche Ihr Interesse geweckt haben.
Dazu gehören z.B. die theologisch zweideutigen Begriffe, welche EB Lefebvre in seiner Erklärung vom November 1974 verwendet hat – also die Unterscheidung zwischen einem katholischen und einem modernistischen Rom; die neue Namensgebung der „Piusbruderschaft“ und anderes.
Wollen Sie uns heute darüber nähere Auskunft geben?

Sehr gerne würde ich das jetzt gleich tun. Doch ich befürchte, dass ich dabei mehr oder weniger ins Leere reden würde wenn nicht zuerst einige grundlegende Begriffe für das Verständnis geklärt werden.

(2) Ist den Katholiken von heute das Glaubenswissen überhaupt noch ein Anliegen? Mir scheint, dass sich viele mit einer mehr oder weniger tiefen Frömmigkeit zufrieden geben.

Ja, dies ist sicherlich der Fall. Natürlich ist nicht jeder gläubige Katholik ein geborener Theologe. Die katholische Kirche hat aber mit Nachdruck darauf bestanden, dass sich das gläubige Volk in der religiösen Wahrheit bilde.
Ich möchte deshalb dem letzten großen antimodernistischen Papst, dem hl. Pius X. folgen und sein „Kompendium der christlichen Lehre“ als Leitfaden benützen.

(3) Lassen wir also den hl. Papst Pius X. selber zu Wort kommen:
„Ein Volk ohne Religionsunterricht geht zugrunde.
Der Gottesdienst nützt nichts, wenn er nicht verstanden wird, wenn die Seelen die Grundlagen des Glaubens nicht kennen und folglich nicht ins Leben umzusetzen versuchen.
Dann wird die Frömmigkeit zur Sentimentalität, und die Religion ist nicht mehr Norm und Richtschnur für die Lebensführung.
In Hinsicht auf die Religion haben wir bei der heutigen Zeitlage die Menschen großteils zu den Ungebildeten zu rechnen.“

So heißt es in der Einleitung zum Kompendium der christlichen Lehre, Ausgabe Mediatrix-Verlag, Wien 1981, S. IX, das ich hinfort als Kompendium zitiere.
Der heilige antimodernistische Reformpapst des beginnenden 20. Jahrhunderts greift also seine Zeitgenossen nicht gerade mit Samthandschuhen an. Was würde er heute sagen…? Hundert Jahre später?

(4) „Ein Volk ohne Religionsunterricht geht zugrunde.“ – Haben wir dann überhaupt noch eine Chance, uns zu retten? Seit Jahrzehnten wird ja der Glaube praktisch weder gelehrt noch gepredigt!

Die Frage ist durchaus angebracht. Der Papst und die residierenden Bischöfe sind die lehrende Kirche; der Klerus zweiter Ordnung – die Priester – sowie die Gläubigen sind die lernende oder hörende Kirche. Wie kann die Religion heute weiter bestehen, nachdem seit über 50 Jahren der Glaube von keinem Papst und keinem Bischof mehr autoritativ gelehrt wird? – Um aber in dieser Frage auf einen grünen Zweig zu kommen, müssen wir uns zuerst über einige ganz grundsätzliche Dinge Klarheit verschaffen.

(5) Der gläubige Katholik setzt Religion mit der einzig seligmachenden Religion, also der katholischen Kirche gleich. Ist das dem durchschnittlichen Menschen nach 50 Jahren Religionsfreiheit und Ökumenismus noch zumutbar?

Ich möchte Sie auf etwas äußerst Wichtiges hinweisen, nämlich auf die Bedeutung von „Sprachregelungen“. Fast ständig werden wir mit neuen Sprachregelungen, also neuen Wörtern, neuen verbalen Konzepten u.ä. konfrontiert, welche wir für gewöhnlich nicht hinterfragen. Großer Irrtum unserseits! Würden wir die Begriffe, mit welchen wir umgehen, genauer be-denken, so würde uns viel fehlerhaftes Denken erspart bleiben, und vielen fruchtlosen Diskussionen würde von vornherein die Grundlage entzogen werden.

(6) Können Sie uns das bitte genauer erklären?

Denken Sie etwa an die „liturgische Bewegung“. Fragen wir uns: Was soll da bewegt werden? Von wo nach wo soll sich denn die Liturgie bewegen? Denn jede Bewegung hat einen Ausgangs- und einen Zielpunkt. Dann würden wir sehr schnell zum Schluss kommen, dass sich da wirklich nichts bewegen lässt! Denn die Liturgie als Gesetz des Betens hat Anteil an der Unveränderlichkeit, welche der geoffenbarten Lehre eigen ist. Übrigens: Der Initiator des „volksliturgischen Apostolates“, P. Pius Parsch von Klosterneuburg in Österreich, musste sich an seinem Lebensende eingestehen, dass selbst die Bezeichnung seines Lebenswerkes unsinnig war, insofern „liturgisch“ von seiner griechischen Wurzel her bereits „laos“ (Volk) enthält…

(7) Wäre das vergleichbar mit der „Volksdemokratie“ oder dem „weißen Schimmel“ oder dem „schwarzen Rappen“?

Richtig. Oder mit einer „Glasvitrine“.
Anderes Beispiel: das „Unterbewusstsein“, welches für die heutige Psychologie, die Psychoanalyse etc. so große Bedeutung hat. Wenn es neben dem Bewusstsein auch ein „Unterbewusstsein“ gibt, dann liegt nahe, dass es auch ein „Überbewusstsein“ gibt. Warum spricht niemand davon? Darauf können wir wohl ebenso wenig ein Antwort erwarten wie auf die Frage nach dem genauen Wesen des „Unterbewusstseins“! Denn der eigentliche Gegensatz zum „Bewussten“ ist das „Unbewusste“ und nicht das „Unterbewusste“; so wie der Gegensatz zu „Licht“ „Finsternis“ oder „Dunkelheit“ heißen muss und nicht „Unterlicht“ oder Ähnliches. Gewisse Lebensäußerungen des Menschen sind bewusst, andere sind unbewusst.

(8) Dazu fällt mir ein: Unsere Verdauungs- oder Atmungstätigkeit, der Herzschlag, die hormonelle Steuerung… sind unbewusst, aber nicht „unter“bewusst.

Oder nehmen wir noch den Ausdruck der heute überall propagierten „gleichgeschlechtlichen Ehe“. Eine Ehe kann nur zwischen Mann und Frau bestehen, und das gehört auch zur Definition, die im Kirchenrecht und in allen staatlichen Gesetzbüchern zu finden gewesen ist. Denn die Ehe hat jene Akte zum Gegenstand, welche von Natur aus in erster Linie auf die Zeugung von Kindern abzielen. Heute ändert man die Definition und auch die Verfassungen der Staaten, um einen solchen Widersinn zu rechtfertigen. – Oder denken Sie an die Einführung eines „dritten“ Geschlechts bei den Menschen, wie dies bereits in mehreren Ländern der Fall ist. Seit Jahrzehnten weiß die Wissenschaft, und alle haben es in der Schule gelernt, dass jede menschliche Zelle in ihren Genen über das Geschlecht eines Menschen Auskunft gibt. Auf welcher Grundlage will man uns jetzt also ein „drittes“ Geschlecht aufschwätzen? Dann kann es auch gleich vier oder vierundzwanzig Geschlechter geben, oder so viele, wie es Menschen auf der Erde gibt…

(9) Wie wenden Sie das auf die Frage der Religion an?

Ganz einfach: Wir müssen den Begriffen von Religionsfreiheit bzw. Ökumenismus, die heute in allen Köpfen herumschwirren, auf den Grund gehen! Es gibt nur eine wahre Religion, nämlich die von Gott geoffenbarte.
Die Religionsfreiheit in der Fassung von Vatikan2 hat für den Katholiken überhaupt keinen Sinn, sie ist ein völlig sinnloses Konzept, ein Un-Sinn. Schlimmer noch: Sie entzieht der Religion die Daseinsberechtigung.
Den Ökumenismus in seiner heutigen Fassung hat P. Pius XI. in Mortalium animos vom 6. Jänner 1928 ganz klar verurteilt. Er sagt: Es gibt kein Streben nach Einheit der Religionen, sondern nur ein Eintreten von Einzelnen in die Einheit der Religion. Anders gesagt, die Einheit der Kirche oder der Religion muss nicht hergestellt werden, weil die von Christus gestiftet Kirche, die una sancta, für immer besteht. Personen oder Länder können diese Einheit verlassen – durch Häresie oder Schisma – aber die Einheit der Kirche und der wahren Religion erleidet dadurch keinen Abbruch.
Gehen wir den Dingen auf den Grund! Nehmen wir die Warnung des hl. Papstes Pius X. ernst. Machen wir die von Gott geoffenbarte Religion wieder zur Richtschnur unserer ganzen Lebensführung. Dazu müssen wir sie aber zuallererst einmal kennen und sie uns zu Herzen nehmen.

(10) Herr Pater Trauner, der Aktionsradius dieses Themas ist sehr weit gesteckt. Womit wollen Sie beginnen?

Am besten fangen wir ganz vorne an, wie der hl. Pius X. selbst. Hier sind seine ersten beiden Fragen:
Seid ihr ein Christ?

Ja, ich bin durch Gottes Gnade ein Christ.

Warum sagt ihr: „durch Gottes Gnade“?

Ich sage „durch Gottes Gnade“, weil ein Christ zu sein ein ganz freies Geschenk Gottes ist, das wir nicht verdienen können.

„Agere sequitur esse“, sagt die thomistische Philosophie: Das Handeln folgt dem Sein.
Ein Pferd wiehert, weil es ein Pferd ist und das Wiehern dem „Pferd-sein“ entspricht; ein Hahn kräht, weil dies seinem „Hahn-sein“ entspricht. Wenn ich ein Pferd sehe und dabei Krähen höre, so weiß ich, dass etwas nicht stimmt (mit dem Pferd oder mit mir).
Der hl. Papst sagt uns also zuerst, was wir sind, um uns dann zu zeigen, was wir zu tun haben.
Die hl. Kirche stellt mit dem hl. Augustinus gegen die Pelagianer und Semipelagianer fest. „Nicht nur zum Glauben, sondern auch schon zum allerersten Anfang des Glaubens ist die innere Gnade absolut notwendig.“ So lehren die heiligen Konzilien von Orange im Jahre 529 und Trient im 16. Jh.; der hl. Paulus in 1Kor 4,7: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest? Hast du es aber empfangen, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ und Eph 2,8f.: „Ja, aus Gnade seid ihr kraft des Glaubens gerettet worden. Nicht euer Verdienst ist es, es ist Gottes Geschenk. Nicht den Werken ist es zu verdanken, damit niemand sich rühmen könne.“
Die Gnade, auch die erste, also unsere Berufung zum Christsein, zur Taufe, kann nicht verdient werden. Ebenso wenig ist sie dem Menschen von Gott geschuldet.

(11) Wir sind also durch Gottes Gnade, d.h. durch Sein freies Wirken Christen. Die Gnade macht uns Gott verwandt, Gott verbunden, also zu Kindern Gottes. – Gilt dies automatisch von allen, welche sich auf Christus oder auf die Bibel berufen?

Nein, eben nicht. Es gibt gewisse klar festgelegte Bedingungen für das Christsein, wie der hl. Pius X. sogleich ausführt:
Wer ist ein wahrer Christ?

(12) Ein wahrer Christ ist,
wer getauft ist,
die christliche Lehre glaubt und bekennt und
den rechtmäßigen Hirten der Kirche gehorcht. Zitat Ende.
Eine sehr klare Aussage, wie wir sie von einem Katechismus erwarten. Warum gibt es aber heute so viel Verwirrung und Unklarheit in diesem Punkt, bis hin zu den un-sinnigen Konzepten von Ökumenismus und Religionsfreiheit, welche Sie ja bereits erwähnt haben?

Wir „heutigen“, wir „modernen“ Christen haben ein abgeschwächtes, verbogenes Verständnis vom Christsein. Das kommt vor allem daher, dass man uns seit drei Jahrhunderten eintrichtert, dass „alle zum selben Gott beten“, dass es „sicher im Himmel nicht nur Katholiken gibt“ und weitere solche sophistische Scheinwahrheiten.
Demgegenüber stellt der hl. Pius X. fest, dass ein Mehrfaches dazugehört, damit jemand ein wahrer Christ ist.

(13) Es gibt also keine anonymen Christen? Wenn man sich nur zu Christus hingezogen fühlt oder in der Bibel liest, ist man noch kein Christ.

Nein. Die Tür zum Schafstall ist Christus selber, nämlich indem Er der Seele das erste Sakrament spendet – durch die Kirche, durch den Priester als ordentlichen oder durch eine andere Person als außerordentlichen Spender dieses Sakraments. Ohne Taufe ist der Weg zu den anderen Sakramenten und zur ewigen Glückseligkeit selber versperrt.
Sodann muss der Getaufte die christliche Lehre glauben und bekennen. Da es ohne Glauben unmöglich ist, Gott zu gefallen (Hebr 11,6), muss dieser wahre übernatürliche Glaube, welcher in der hl. Taufe der Seele eingegossen worden ist, in dieser bleibend vorhanden sein und auch vom Getauften bekannt werden (vgl. Röm 10,10: „Denn mit dem Herzen glaubt man, und das führt zur Rechtfertigung, mit dem Munde bekennt man, und das führt zum Heile.“).

(14) Jetzt fehlt noch der vierte Punkt von dieser Katechismusfrage, nämlich: Der Katholik muss den rechtmäßigen Hirten der Kirche gehorchen.

Auch hier ist unser Verständnis oft weit vom theologischen „Schuss“, da wir uns an einen telegrafischen Stil gewöhnt haben und es uns schwer fällt, jedes einzelne Element einer Definition zu berücksichtigen. Zu schnell sind wir dabei, uns die vorliegende Antwort etwa in dieser Form einzuprägen:
Christ = getauft, gläubig, Papst und Bischöfen gehorsam. Punkt. Damit sind wir aber schon den halben Abhang zum ewigen Feuer hinuntergerutscht. Denn so einfach und telegrafisch sind die Sachverhalte aus der göttlichen Offenbarung nicht! (Sonst hätten die Evangelisten ja auch schreiben können: „Gott schickt Sohn auf Erde stopp Christus erlöst die Welt am Kreuz stopp Himmelfahrt und Pfingsten stopp“…)
Die heutige Lage zeigt uns, wie theologisch wichtig jedes Wort ist: Der seinen Glauben bekennende Getaufte muss den rechtmäßigen – Hirten – der Kirche – gehorchen. Er darf also keineswegs unrechtmäßigen – Mietlingen – einer beliebigen Glaubensgemeinschaft – gehorchen, ohne an seiner Seele Schaden zu nehmen. Jede dieser Bedingungen ist lebensnotwendig, jede Verfehlung dagegen ist todbringend für die Seele.

(15) Fürchten Sie nicht, dass für unsere geneigten Hörer, für Nicht-Theologen, für den einfachen Mann von der Straße das alles zu kompliziert ist? Dass der Mensch „von heute“, der es gewohnt ist, alles „auf Knopfdruck“ zu erledigen, da nicht mehr mitkommt oder folgen will?

Das kann sein. Deshalb heißt es bereits im Vorwort des Kompendiums ganz streng Zitat: „Das einstens selbstverständliche Auswendiglernen der Texte, soweit als irgend möglich, wird sowohl im praktischen Leben des Einzelnen als auch im Glaubenskampf in Anbetracht des heutigen rapiden allgemeinen Schwindens der Denk- und Sprachkraft eine entscheidende Rolle spielen.“ Zitat Ende. Was würden die Herausgeber heute sagen, wo nicht nur das echt christkatholische, sondern bereits das grundlegende logische Denken auf weiten Strecken verschwunden ist!

(16) Siehe da! Wir sollen die Texte auswendig lernen. Ich kenne niemanden, der dies heute noch macht. Leider! Aber: Von nichts kommt nichts. Unwissenheit führt zu unlogischem Denken. Haben Sie dazu ein Beispiel für uns?

Der Slogan von Gloria.tv etwa – „the more Catholic the better – je katholischer, desto besser“ – ist dafür ein ebenso betrübliches wie sprechendes Beispiel. Sobald im Katholisch-sein ein Mehr und ein Weniger auch nur gedanklich zugelassen wird, kann von Katholisch-sein keine Rede mehr sein. Denn der Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche ist absolut. Es kann kein Mehr oder Weniger an Wahrheit geben. – Man könnte hunderte weiterer Beispiele anführen. z.B. alle mit der katholischen Moral hinsichtlich des 6. und 9. Gebots verbundene Themen (Ehemoral…); Familie und Erziehung; Verständnis und Praxis der Gesetzgebung; systematische Aufweichung des Autoritätsverständnisses in Theorie und Praxis etc.

(17) Geistige Arbeit ist mühsam. Kann man richtiges Denken erlernen oder wieder erlernen?

Natürlich: Wo ein Wille, da ein Weg. Oder: Solange ich atme, hoffe ich, sagt der Lateiner: Dum spiro, spero.
Die scholastische Philosophie hat vor allem mit dem hl. Thomas von Aquin eine sehr ausführliche Lehre von der menschlichen Erkenntnis geschaffen. Dies ist ein Punkt, den wir heute nicht genug betonen können, denn die moderne Philosophie geht quer durch die Bank von einer falschen Erkenntnislehre aus und kommt durch diesen falschen Ansatz zu den absurdesten Folgerungen: Personalismus, Idealismus, Nihilismus usw.

(18) Wie also funktioniert das menschliche Erkennen?

Stark vereinfacht gesagt, sieht das so aus:
Die menschliche Erkenntnis geht von den fünf Sinnen zum Verstand, welcher seinerseits wiederum den Willen erleuchtet, damit es durch dessen Anordnung zum vernünftigen Handeln kommen kann.
Gerade für das Erlernen des Katechismus ist es unendlich wichtig, diesen Dreischritt vor Augen zu haben: Lesen – Verstehen – Ausführen bzw. Sinne – Verstand – Handeln.
Besser als das Lesen ist das Hören: „Fides ex auditu“ (Röm 10,17), der Glaube kommt vom Hören.
Also: Laut lesen, einprägen, auswendig lernen und mit Gottes Hilfe im Leben umsetzen.

(19) Worin besteht nun das Problem im „modernen“ Denken? Die drei Punkte: Lesen – Verstehen – Ausführen sind ja sehr klar, wenn auch mühsam.

Da müssen wir auf zwei Dinge hinweisen:

1. Das normale menschliche Denken, wie es die scholastische Philosophie näher beschreibt und erforscht, ist (a) schlussfolgernd und beruht (b) auf dem Widerspruchsprinzip.
(a) Eine Schlussfolgerung besteht darin, dass ich aus einem Obersatz und einem Untersatz einen Schluss ziehe, z.B.
Obersatz: Alle Affen können auf Bäume klettern.
Untersatz: Kulibuli ist ein Affe.
Schlussfolgerung: Kulibuli kann auf Bäume klettern.
Natürlich kann ich auch falsche Schlussfolgerungen machen, deshalb gibt es gewisse Regeln in der Formallogik, welche bei allen Schlussfolgerungen zu beachten sind. Aber wenn diese Regeln beachtet werden, dann ist der Schluss aus den beiden Sätzen zwingend.
Wenn die Vorgaben stimmen, dann muss ich die Schlussfolgerung anerkennen: Wer A sagt, muss auch B sagen.
Eine falsche Schlussfolgerung wäre etwa:
Obersatz: Alle Affen können auf Bäume klettern.
Untersatz: Kulibuli kann auf Bäume klettern.
Schlussfolgerung: Kulibuli ist ein Affe.
Die Schlussfolgerung würde stimmen, wenn der Obersatz lautete: Nur Affen können auf Bäume klettern. – Unterschätzen wir das nicht: Solche Denkfehler werden öfter begangen, als man ahnt!
(b) Das Widerspruchsprinzip besagt, dass eine Sache nicht sie selbst und zugleich, unter demselben Gesichtspunkt, ihr Gegenteil sein kann.

(20) Das ist klar. Wo liegt hier das Problem?

Ich kann nicht von demselben Objekt aussagen, dass es ein Baum und zugleich ein Sessel ist. Natürlich haben die beiden gemeinsam, dass sie aus Holz sind. Aber entweder ist dieses Holz jetzt ein Baum, oder es ist zum Sessel gemacht worden. Ich kann vom Baum sagen, dass er die Möglichkeit enthält, zum Sessel zu werden. Aber hier und jetzt, unter demselben Gesichtspunkt, ist er kein Sessel; sonst könnte er genauso gut ein Flugzeug oder ein Teppich sein.
Das Denken, welches uns die moderne Philosophie aufschwätzen will, lässt sich auf den Nominalismus oder Positivismus zurückführen, mit dem man das menschliche Erkennen erklären will. Das bedeutet, dass diese – falsche – Philosophie behauptet, die Dinge seien nicht ihrem Wesen nach erkennbar, sondern wir geben ihnen nur Namen (daher Nominalismus); der Mensch bestimmt, was ein Ding ist (Positivismus).

(21) Das ist natürlich unsinnig, eigentlich verrückt.

Aber genauso wird es heute aufgefasst. Wir haben bereits die Veränderung der Definition der Ehe erwähnt, wie sie in den Gesetzen festgeschrieben wird. Man will uns vormachen, dass sich die Sache, welche wir Ehe nennen, geändert hat: Gestern war sie die lebenslange Verbindung eines Mannes und einer Frau im Hinblick auf ihre Fortpflanzung und die Erziehung der Kinder. Heute ist die Ehe eine Verbindung beliebiger Personen für eine gewisse Zeit zum Zweck des Geschlechtsverkehrs oder des Zusammenlebens in häuslicher Gemeinschaft. In der Zukunft könnte die Ehe auch eine Verbindung von Personen mit anderen Lebewesen (Hund, Katze, Kuh…) sein, falls das Gesetz dahin gehend verändert werden sollte.
Sowohl Ehe als auch Gesetz werden hier rein positivistisch oder nominalistisch aufgefasst, sonst wären diese Dinge nicht möglich. – Für den katholischen Verstand haben aber Ehe und Gesetz einen jeweils genau umschriebenen Begriffsinhalt, der in der Natur der Sache selber begründet ist und daher vom Menschen nicht verändert werden kann.
Der traurige Schlusspunkt ist, dass die Menschen heute das Böse gut und das Gute böse nennen. Nichts hat vor dem nominalistischen Denken Bestand.

(22) Das kath. Denken ist präzise und verständlich. Der Nominalismus, wie Sie ihn erklärt haben, ist nicht nur unsinnig, sondern auch verwirrend.

Ja, genau. Das ist der 2. Punkt, auf den ich hinweisen will.
Sobald es um philosophische und theologische Fragen geht, stößt man unweigerlich auf Unterscheidungen. Die große Kraft der scholastischen Theologie und Philosophie besteht gerade darin, die richtigen Unterscheidungen am richtigen Ort anzubringen. Und das ist eine heikle Sache und heute keineswegs gang und gäbe! Daher kann man sagen, dass der ganze Katechismus in den rechten Unterscheidungen besteht.

(23) Das sind grundlegende Dinge, die wir uns hinter die Ohren schreiben müssen. – Wie sündigt der moderne Mensch gegen die Notwendigkeit richtiger Unterscheidungen?

Das geschieht durch das denkerische Auseinanderdividieren, die Dialektik moderner Prägung, wie sie etwa bei Karl Marx besonders ausgeprägt ist. Leider beschränkt sich diese Denkweise bei Weitem nicht auf die Marxisten. Der Unterschied zum richtigen Unterscheiden ist himmelhoch bzw. abgrundtief. Durch das richtige Unterscheiden werden Sachverhalte für unser Denken und Verstehen geklärt. Die Zusammenschau nur scheinbar widersprüchlicher Sachverhalte wird möglich. Dagegen werden durch die falsche Dialektik Sachverhalte durcheinander gebracht und vermengt. Die Realität der Dinge wird nicht „zusammen-gedacht“, sondern „auseinander-gedacht“.

(24) Sehr kompliziert. Können Sie das wiederum an einem Beispiel erklären!

Der Unterschied ist etwa der, wie zwischen einem Hausbau und dem Brotbacken: Während beim Hausbau jedes Element in geordneter Weise neben, über oder unter die anderen gestellt werden muss und es keinen Sinn hätte, alle Materialien zu einem Klumpen zu vermischen, muss der Bäcker alle Zutaten vermischen und sie nicht nebeneinander oder über- und untereinander anbringen.
Ein klassisches Beispiel hierfür in der Theologie ist die lutherische Erbsündenlehre im Gegensatz zur katholischen Wahrheit.
Der gefallene Mönchspriester von Wittenberg, Martin Luther, behauptet, die Natur des Menschen sei durch die Erbsünde völlig verdorben („natura corrupta“); der Mensch sei nicht mehr fähig, gut und verdienstlich zu handeln, er müsse notwendig in all seinem Tun sündigen. Nur durch das Zudecken mit der Gerechtigkeit Christi wird er für gerecht erklärt, ohne innerlich gerechtfertigt zu werden.
Die katholische Kirche dagegen lehrt, dass die menschliche Natur zwar durch die Erbsünde verwundet ist („natura vulnerata“); der Mensch aber trotz der schwerwiegenden Folgen und Narben der Erbsünde, die auch nach der Taufe in ihm verbleiben, doch zu gutem und verdienstlichem Handeln fähig bleibt.

(25) Zwischen völlig verdorben – nach Luther – und verwundet, laut kath. Lehre, ist ja ein riesengroßer Unterschied.

Selbstverständlich! Luther verwischt bzw. leugnet gänzlich die Unterscheidung von Natur und Übernatur (Gnade). Für Luther kann tatsächlich der Mensch zugleich Sünder und gerechtfertigt sein. Das ist ein theologischer Fehler gegen das Widerspruchsprinzip! Die katholische Wahrheit dagegen, gestützt auf das überlieferte Glaubensgut – welches Luther nach seinem Belieben sortiert und gekürzt hat, um seine Irrlehre glaubhaft zu machen –, macht die notwendigen Unterscheidungen. Mit dem wahren Glauben wird zugleich das Wissen um die übernatürliche Gnadenordnung aufrecht erhalten, die Hoffnung, die Liebe und alle anderen übernatürlichen Tugenden bzw. die guten Werke. Bei Luther dagegen geht das alles den Bach hinunter.

(26) Herr Pater Trauner, wir haben unser zeitliches Limit erreicht, wir wollen unsere Hörer nicht überfordern. Fassen wir zusammen:
– Nur Katholiken sind wahre Christen; jemand, der zu einer anderen „christlichen Gemeinschaft“ gehört, ist nicht Mitglied der von Christus gestifteten Kirche.

Ja, der hl. Pius X. gibt die genauen Bedingungen an, welche derjenige erfüllen muss, welcher in der Arche des Heiles seinen Platz hat. – Auch hier braucht es weitere Präzisionen, um nicht in die Häresie des Jesuitenpaters Feeney zu fallen, welcher das Dogma „Außerhalb der Kirche kein Heil“ falsch ausgelegt hat und bis heute Anhänger in seinem Glaubensirrtum hat. – Wir werden nächstes Mal an diesem Punkt der Mitgliedschaft in der Kirche anknüpfen.

(27) Sodann haben Sie gesagt, dass es für einen Katholiken unerlässlich ist, den Glaubensinhalt zu kennen und zu vertiefen.

Besser gesagt, nicht ich sage dies, sondern der hl. Papst Pius X. Ein Volk ohne Glaubensunterricht geht zugrunde. Die schönste hl. Messe nützt nichts, wenn die Gläubigen keine Grundlage im Glaubenswissen haben und deshalb die Messe nicht in ihrem eigenen Opferleben in Vereinigung mit Christus umsetzen können.

(28) Der wahre Christ muss also getauft sein, die kath. Lehre kennen, bekennen und anwenden. Außerdem ist den rechtmäßigen Hirten zu gehorchen.
Schließlich, so haben Sie gesagt, ist ein klares Denken im Sinne der scholastischen oder thomistischen Schule unerlässlich.

Ja. Wer jedoch nicht strukturiert denkt, hat keinen Durchblick und kein Verständnis. Die moderne falsche Philosophie gibt vor, dass wir die Dinge nur äußerlich, oberflächlich beschreiben können, ihr eigentliches Wesen aber bleibt uns verborgen, wir tappen ewig im Dunkeln.

(29) Wie traurig! Aber: Wie glücklich ist der wahre Katholik.
Ein kleiner Ausblick auf unser nächstes Gespräch?

Im nächsten Glaubensgespräch geht es um die Lehre über die Kirche. Die Aussagen dazu im Kompendium des hl. Papstes Pius X können als wahrer Schatz, eine kostbare Perle bezeichnet werden.

(30) P. Trauner, vielen Dank für das Gespräch.

Gelobt sei Jesus Christus.

In Ewigkeit. Amen.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.