Glaubensgespräch #4

Das Gespräch können Sie hier nachhören oder downloaden:

Pater Trauner, es gibt viele Menschen, die sich katholische Traditionalisten oder traditionelle Katholiken nennen, aber sie sind nicht alle gleich. Es gibt Sedevakantisten, wie wir, die die Konzilssekte als falsche Kirche und eben nicht als Katholische Kirche anerkennen und deren sogenannte Päpste als nicht katholisch und daher als nicht rechtmäßig erkannt haben. Aber es gibt auch Leute, die die Konzilssekte doch für die wahre Katholische Kirche halten und deren Oberhäupter auch als gültige und legitime Päpste akzeptieren. Auch sie nennen sich Traditionalisten und wahre Katholiken. Manche von ihnen widersetzen sich allem, was sie als nicht katholisch ansehen, weil es der überlieferten Lehre bzw. der traditionellen Praxis widerspricht, wohingegen andere wiederum alles mehr oder weniger zähneknirschend hinnehmen, was vom sogenannten Papst gelehrt und verordnet wird, sich aber dafür einsetzen, daß langsam alles wieder zurückgedreht wird, wie es vor dem 2. Vatikanischen Konzil war. Was ist hier los? Warum gibt es so viele verschiedene Ansichten darüber, was traditionell katholisch ist? Mit anderen Worten: Wer hat recht? Wer ist der wahre Katholik?

Ich glaube, Ihre Frage ist ausgezeichnet gestellt. Contra factum non fit argumentum – Angesichts einer Tatsache hat es keinen Sinn zu streiten. Entweder ich sehe die Tatsache und nehme sie als solche an, oder ich folge irgendeinem Wunschdenken.
Die Tatsache ist also, dass es sehr verschiedene Weisen gibt, mit der Situation umzugehen, welche sich mit dem Vatikanum2 ergeben hat. Die Verschiedenheit geht bis zum unversöhnlichen Gegensatz und Widerspruch.
Das einzig gültige Kriterium ist natürlich für den Katholiken, wie in Allem, das der Wahrheit. Was ist wirklich katholisch? Was ist wirklich traditionell, also der kirchlichen Tradition entsprechend?
Ganz grundsätzlich gibt es also einmal zwei Positionen, welche sich nicht unter einen Hut bringen lassen: Entweder ist die vorgebliche Hierarchie von Papst und Bischöfen jene der katholischen Kirche; oder sie ist es nicht. Anders gesagt: Entweder ist das, was jetzt in Rom kreucht und fleucht, die katholische Kirche, oder sie ist es nicht.
Die erstere Meinung wird von all jenen vertreten – wenn auch zum Teil mit Zähneknirschen, wie Sie sagen, bzw. mit manchen Vorbehalten oder Unterscheidungen – welche es strikt ablehnen, den Apostol. Stuhl als vakant zu betrachten. Also Piusbruderschaft, Petrusbruderschaft, Institut Christkönig usw.
Die letztere Meinung behauptet, der Stuhl Petri ist vakant, d. h. nicht von einem katholischen Papst besetzt.
Das einzig wirklich Interessante ist natürlich in beiden Lagern die theologische Argumentation in der Frage der Hierarchie, des Papstes – denn die ganze kirchliche Hierarchie hängt am Papst.
Um Ihnen jegliche Illusion sofort zu nehmen: Im Lager jener, die Bergoglio als Papst betrachten, gibt es nicht viel Theologie. Das liegt daran, dass sie wenig Interesse an der Wahrheit haben. Erstaunlich, aber wahr. Wahrscheinlich liegt das daran, daß sie ja der Meinung sind, der Papst macht die Wahrheit, und zwar wenn er ex cathedra spricht. Abgesehen von diesen raren Fällen, wo ein Papst ein Dogma verkündet, kann man sich herausreden, indem man sagt, dass das, was Bergoglio sagt, ja nicht Glaubenswahrheit ist. Also, so sagen sie, halten wir an dem fest, was uns die kirchliche Tradition verbürgt, und weisen das zurück, was an den Aussagen Bergoglios nicht katholisch ist.
So einfach geht das natürlich für den wahren Katholiken nicht.

Gut, dann durchforsten wir vielleicht einfach mal die verschiedenen Positionen. Die These, daß die Kirche im Vatikan nach Papst Pius XII. nicht mehr die Katholische Kirche ist, kann ja nicht die Voraussetzung dieser Argumentation sein, sondern höchstens deren Schlußfolgerung. Womit also sollte ein Wahrheitssuchender beginnen, der sich dieser Materie annimmt? Wie sollte er vorgehen, um sicherzustellen, auch tatsächlich die Wahrheit am Ende zu finden?

Nehmen wir an, dass Bergoglio wirklich der katholische Papst ist und dass auch die anderen Päpste seit Pius XII. wirkliche katholische Päpste waren. Das hat eine ganze Reihe theologischer Konsequenzen.
Der Papst ist unfehlbar, wenn er in Glaubens- oder Sittenfragen ex cathedra spricht, also als oberster Lehrer eine Frage endgültig und für alle Gläubigen verbindlich entscheidet. Hier gibt es vordergründig nichts zu sagen, denn die konziliaren und nachkonziliaren Päpste haben offensichtlich keine solche Kathedralentscheidungen gefällt.
(!) Damit ist die Frage der Unfehlbarkeit der Kirche aber nicht erschöpft! Denn es gibt auch Gegenstände, in welchen die Unfehlbarkeit der Kirche ohne eine feierliche Entscheidung zum Tragen kommt. Es ist ein schwerer, aber sehr weit verbreiteter Irrtum, die Unfehlbarkeit der Kirche Christi auf die persönliche Unfehlbarkeit des Papstes in seinem außerordentlichen Lehramt (wenn er ex cathedra spricht) und die feierlichen Entscheidungen der allgemeinen Konzilien zu beschränken.

Ich glaube, das sollten Sie genauer erklären. Die Frage der Unfehlbarkeit ist ja für alle wichtig, die Unfehlbarkeit wird immer wieder erwähnt. – Was hat es mit der Unfehlbarkeit der Kirche auf sich?

Die Kirche ist nicht nur in ihrem außerordentlichen päpstlichen Lehramt unfehlbar, sondern auch in ihrem allgemeinen ordentlichen Lehramt. Das ordentliche Lehramt übt sie – wenn es einen Papst und Bischöfe mit ordentlicher Jurisdiktion gibt – tagtäglich aus. Was die Bischöfe, welche sich in Einheit mit dem Papst befinden, einmütig lehren, ist ordentliches allg. Lehramt. Entweder sind die Bischöfe über die ganze Welt verstreut sind (in ihren Diözesen), oder sie sind auf einem Konzil versammelt. Ein Konzil erhält aber seine ökumenische, d. h. die ganze Kirche bindende Kraft, ausschließlich durch den Papst, welcher seine Beschlüsse und Lehren gutheißt.
Jene, welche heute Bergoglio als Papst Franziskus anerkennen, müssen letztlich die Unfehlbarkeit des allgemeinen ordentlichen Lehramtes leugnen, indem sie diese wenigstens verschweigen. Ziemlich ausdrücklich sogar leugnet sie etwa P. Franz Schmidberger in seiner Broschüre „Amt und Person des Simon Petrus“, welche er 2015 überarbeitet, ergänzt und neu herausgegeben hat. Da schreibt er auf Seite 42 wortwörtlich: „Der Papst ist unfehlbar in ex cathedra-Entscheidungen; sonst ist und bleibt er fehlbar.“
Ganz ähnlich drückt sich die Petrusbruderschaft in ihrem Schrifttum aus.
Bitte, Herr Pater Schmidberger: Wo sind Ihre Quellen? Auf welche Theologen berufen Sie sich, wenn Sie sagen, daß sich der Papst immer irren kann, außer wenn er ex cathedra spricht? Die angeführte Stelle enthält keinen einzigen Quellenverweis. Hier machen Sie eine äußerst schwerwiegende Aussage, ohne sie zu belegen!
Wie können Sie unter dieser Voraussetzung je eine „gewöhnliche“ Enzyklika zitieren, wenn Sie sich in keinster Weise sicher sind, ob sich der Papst da nicht gerade wieder einmal irrt …? Wie können Sie Katechismus unterrichten oder predigen, ohne auf Schritt und Tritt hinzuzusetzen: „Aber nachdem dies keine feierlich definierte Glaubens- oder Sittenlehre ist, könnte es auch anders sein …?“
Und doch schreibt P. Schmidberger im Vorwort zur erwähnten Broschüre, daß er „(seine) Argumente nach bestem Wissen und Gewissen (vorträgt)“ (S. 7). Hier fehlt es ihm jedenfalls entweder am einen oder anderen – oder an beidem!

Die Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit ist ja auf dem I. Vat. Konzil definiert worden. – Was sagt das Vat. Konzil in diesem Zusammenhang?

Vaticanum I lehrt ganz ausdrücklich im Kapitel, welches die persönliche Unfehlbarkeit des Papstes lehrt (DS1839; DZ3074, zitiert nach DH3074): „Wenn der Römische Bischof „ex cathedra“ spricht (…), dann besitzt er mittels des ihm im seligen Petrus verheißenen göttlichen Beistands jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei der Definition der Glaubens- und Sittenlehre ausgestattet sehen wollte.“ Es reduziert keineswegs die Unfehlbarkeit der Kirche auf die Unfehlbarkeit des Papstes, wenn er ex cathedra spricht.
Deshalb enthält ja auch der Katechismus des hl. P. Pius X. ganz entsprechende Fragen, aus denen klar hervorgeht, daß die katholische Kirche unfehlbar ist (Nr. 176) und dann parallel dazu in Bezug auf den Papst (Nr. 197-199). Wäre die Unfehlbarkeit der Kirche ein und dasselbe wie die Unfehlbarkeit des Papstes in den Definitionen „ex cathedra“, wozu gäbe es dann verschiedene Fragen ohne entsprechenden Verweis?

Was bedeutet das, daß das allgemeine ordentliche Lehramt unfehlbar ist?

Es bedeutet ganz einfach, daß man dann in mehreren Punkten Widersprüche zwischen der überlieferten Lehre und Praxis und dem, was seit Vatikan2 gelehrt und getan wird, feststellen muß. Wenn dieser Widerspruch konträr oder kontradiktorisch ist, dann stehe ich vor der Frage: Ist die eine oder die andere Lehre katholisch – denn beide zugleich können es nicht sein. Dies wäre gegen das Widerspruchsprinzip, welches das grundlegendste Kennzeichen menschlichen Denkens ist.
Auch Pater Schmidberger, die Petrusbruderschaft und ihre Artgenossen erkennen und anerkennen, daß es solche Widersprüche gibt – die Lehre über die Religionsfreiheit, den Ökumenismus, die bischöfliche Kollegialität, wie sie in den Texten von Vatikan2 steht; die neuen Riten der Sakramente und der Liturgie; die Heiligsprechungen; das Kirchenrecht – aber irgendwie schaffen sie es, daraus keine Konsequenzen zu ziehen. Das muß ich aber als Theologe – und jeder Priester sollte wenigstens einigermaßen von der Theologie eine Ahnung haben!

Welche Konsequenzen hat das nun für die kirchliche Lehre und Praxis?

Die erste Konsequenz ist, daß ich es nicht dabei belassen darf, mich auf die Tradition zu berufen. „Wenn wir einen Widerspruch feststellen, dann halten wir uns an das, was die Kirche immer getan und gelehrt hat.“ „Unsere Richtschnur ist die katholische Tradition.“ Eine solche Berufung auf die eigene Tradition genügt vielleicht für einen Kaninchenzüchterverein, aber nicht, wenn es um die von Gott geoffenbarte und die von Christus gestiftete allein seligmachende Kirche geht. Die Kaninchenzüchter müssen sich halt im Falle eines Konfliktes zusammenraufen und bestimmen, was sie wollen gemäß ihrem Verständnis von ihrer Vereinstradition. Sie können ihren Verein auch auflösen oder ihm eine andere Widmung geben.
Bei der geoffenbarten Religion haben wir es aber mit objektiven und unvergänglichen Normen zu tun.
Die Crux der ganzen Angelegenheit liegt also darin: Wer sagt mir denn, hier und heute, was die katholische Tradition aussagt? Wer kann mir mit der Autorität Christi, also mit letzter Glaubensgewißheit sagen, was zur Offenbarung gehört, was genau und in welchem Sinn zu glauben ist? Die Tradition selber ist stumm: Die Augen- und Ohrenzeugen der göttlichen Offenbarung, die hll. Apostel, sind schon lange verstummt; die Bücher der hl. Schrift kann ich lesen, aber wer legt mir ihren wahren Sinn irrtumsfrei aus? Dies geschieht durch die lehrende Kirche, durch das Lehramt von Papst und Bischöfen. Also:
Wenn ich Bergoglio als „Papst Franziskus“ und die „Diözesanbischöfe“ als rechtmäßige Hirten der katholischen Kirche betrachte, dann sind sie und nur sie die befugten Sprachrohre, welche die stumme Tradition zum Reden, zum Klingen bringen. Dann kann ich – gemäß katholischer Lehre – nicht einfach alles, was sie sagen, drehen und wenden und auf seinen Wahrheitsgehalt prüfen an der Richtschnur der Tradition. Denn damit begebe ich mich in einen Zirkelschluß, in einen Teufelskreis: Die Tradition verbürgt mir ja unter anderem auch, wer ihre autoritativen Lehrer sind – Ich aber gehe her und messe die Bürgen der Tradition an der Tradition, und zwar nach meinem eigenen Verständnis der Tradition. Ich bin also der Richter über meinen Bischof und auch über den Papst, weil ja auch sie der Tradition gehorchen müssen.

Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma für die Adepten von Pater Schmidberger, von Pius- und Petrusbruderschaft etc.?

Natürlich gibt es den. „Wer suchet, der findet.“ Die Lösung liegt in der Unterscheidung zwischen nächster und entfernter Richtschnur des Glaubens.
Der Dogmatiker Joh. Bapt. Heinrich z. B. schreibt im 2. Band seiner Dogmatik (Mainz 1882, S. 176): „(…) nur dieses (unfehlbare) Lehramt ist nach göttlicher Einsetzung und nach der Natur der Dinge nächste Glaubensregel.
Natürlich ist die Tradition Richtschnur des Glaubens, aber sie ist ihre entfernte, also mittelbare Richtschnur. Die unmittelbare, nächste Regel des Glaubens ist das lebendige autoritative Lehramt von Papst und Bischöfen.
Keinesfalls darf ich beide – nächste und entfernte Richtschnur des Glaubens – gegeneinander ausspielen. Damit werfe ich den gesamten Glauben und die Grundlage des Glaubens selber über Bord. Genau das aber tun die Anhänger des Systems der Pius- oder Petrusbruderschaft. Sie behaupten, Bergoglio sei ihr „Papst“; der jeweilige „Diözesanbischof“ sei der rechtmäßige katholische Bischof in Einheit mit diesem Papst. Zugleich aber gehen sie her und behaupten, sie müßten alle Aussagen oder Taten ihrer „Bischöfe“ und ihres „Papstes“ am Maßstab der Tradition messen, um herauszufinden, was davon richtig und was davon falsch ist hinsichtlich des Glaubens und der Sitten. Sie merken nicht, daß ihr falscher Ansatzpunkt – das Ausspielen der nächsten gegen die entfernte Glaubensregel – die Quintessenz der schismatischen bzw. häretischen Haltung ist. Indem sie sich selber zu Richtern über den Inhalt und die Bedeutung der Tradition aufschwingen, trennen sie sich – objektiv jedenfalls – von der Kirche Jesu Christi.

Josef Ratzinger (Benedikt XVI.) hat den Pius-, Petrus- und anderen Brüdern ja einen schmackhaften Köder hingeworfen: Die Hermeneutik der Kontinuität. Haben sie angebissen?

Ja, sie haben mit großer Gier danach geschnappt, und jetzt zappeln sie am Haken. Die Petrusbruderschaft ist ja schon immer ein Kind der Verbindung von Vatikanum2 mit der Welt gewesen. Die Piusbruderschaft mußte es früher oder später ebenfalls werden, obwohl sie immer verzweifelt versucht hat, ihre Legitimität als Tochter oder als Werk der Kirche zu behaupten. Verzweifelt war ihr Versuch deswegen, weil sie sich auf die von uns dargelegte Dialektik, das Ausspielen der nächsten gegen die entfernte Regel des Glaubens, eingelassen hat, anstatt eine theologisch solide und seriöse Position einzunehmen.
Karol Wojtyla (Johannes Paul II.) hat ja die Piusbruderschaft im Exkommunikationsdekret nach den Bischofsweihen auf die richtige Fährte gesetzt, wenn er darin von der „lebendigen Tradition“ spricht. Aber sie wollten oder konnten es nicht verstehen. Kardinal Seper hatte ebenfalls Erzbischof Lefebvre bereits 1979 in die Ecke gedrängt und ihm die richtigen Fragen gestellt: (1) Hat der Papst durch die Kundmachung und Vorschreibung des Novus Ordo Missae und die Gesamtheit der Bischöfe durch dessen Annahme eine neue, eine „konziliare“ Kirche, eine mit der kath. Kirche von Grund auf unvereinbare Kirche errichtet und sichtbar um sich geschart? (2) Kann ein katholischer Papst eine Liturgie promulgieren, welche dem katholischen Glauben nicht entspricht oder ‚die Häresie begünstigen‘ kann? Erzbischof Lefebvre wollte oder konnte keine eindeutigen Antworten geben, sondern hat um den heißen Brei herumgeredet. Warum er das getan hat, ist schwierig zu beurteilen, das ist auch nicht nötig. Die Tatsache liegt aber vor unseren Augen, Schwarz auf Weiß. Erzbischof Lefebvre geht den präzisen Fragen des Kardinals aus dem Weg, anstatt klare Antworten zu geben. (Erzbischof Lefebvre und das Hl. Offizium, Wien 1981, S. 156 – 158). Nicht zuletzt daran krepiert heute die Piusbruderschaft. Denn sie hat in der Folge genauso herum laviert wie ihr Gründer, anstatt ein klares „Ja“ oder „Nein“ auszusprechen. Ist diese sogenannte „konziliare“ Kirche ihrem Wesen nach dieselbe wie die katholische Kirche? Kann ein wahrer Papst eine Liturgie vorschreiben, welche die Häresie begünstigt und damit die Seelen in den Irrtum und in ihr ewiges Verderben führt? Bis heute antworten sie mit falschen Unterscheidungen und Ausflüchten.

Die Position der Pius- oder Petrusbruderschaft ist also, wie Sie mit unzweideutigen Worten gesagt haben, objektiv häretisch und schismatisch. Sie läßt sich mit der wahren Natur der von Christus gestifteten Kirche nicht vereinbaren. Dabei geht es nicht um theologische Spitzfindigkeiten, sondern um ganz grundlegende Dinge.
Jeder, der die konziliaren und nachkonziliaren Päpste als rechtmäßige Oberhirten anerkennt, kommt in Konflikt mit der katholischen Lehre und Theologie.
Wie sieht also die zweite Position aus?

Wenn ich offenkundige Widersprüche zwischen den Lehren und Taten der „Päpste und Bischöfe“ nach Vatikan2 und den Lehren und Taten der katholischen Kirche feststelle, so kann und muß ich schließen, daß ich es hier mit einer „Hierarchie“ von Hochstaplern zu tun habe.
Zitieren wir nochmals den Dogmatiker J. B. Heinrich (a.a.O.): „In der Kirche steht die Lehr- und Richtergewalt in Glaubenssachen nur dem von Christus in Petrus und den Aposteln eingesetzten Lehramte zu (…) Nur durch dieses infallible Lehramt ist die gesamte Kirche indefectibel im Glauben und nur dieses Lehramt ist nach göttlicher Einsetzung und nach der Natur der Dinge nächste Glaubensregel.“
Die erste und vorrangige Aufgabe der Nachfolger der Apostel ist es, die göttlich geoffenbarte Wahrheit zu lehren: „Gehet hin … lehret alle Völker“. Das Lehramt ist Grundlage des Priester- und Hirtenamtes. Auch hier besteht ein großes Mißverständnis bzw. Unverständnis.
Viele machen ja den geistigen Kurzschluß und sagen: Kein Papst mehr, dann gibt es auch keine Kirche mehr, weil ja die Kirche auf Petrus gegründet ist. Es kann aber nicht sein, daß sich die Kirche quasi in Nichts auflöst.
Aber das Schlimmste, was uns passieren kann, ist nicht, daß irgendein Posten oder Amt nicht besetzt ist, und sei es das des Papstes, sondern daß wir die göttliche Lehre und damit die Grundlage des Glaubens überhaupt verlieren. Wer sich aber in Widerspruch mit irgendeiner Glaubenswahrheit setzt, verliert den Glauben. Das ist also keine Alternative.
Der Papst als Nachfolger Petri ist oberster Lehrer und oberster Garant des Glaubens. Petrus soll seine Brüder im Glauben stärken – im Glauben an den eingeborenen Sohn Gottes, auf dessen Bekenntnis hin ihm die Leitung der Kirche versprochen worden ist. Wenn es hier nicht stimmt, dann ist auch alles andere hinfällig.
Ich kann ja auch nicht sagen: „Ich habe zwar keinen Motor in meinem Auto, aber ich habe wenigstens ein Lenkrad und ein GPS.“ Das Lenkrad und das GPS wird ohne Motor nicht viel nützen, der normal funktionierende Motor ist nun einmal das Wichtigste bei einem Auto.
Wenn ich sage: „Bergoglio ist katholischer Papst“, dann muß ich – nach dem Grundsatz: Wer A sagt, muß auch B sagen – auch sagen: Er ist der Lehrer des Glaubens und die unmittelbare, nächste Richtschnur meines Glaubens.
Tue ich das nicht, so setze ich mich über die übernatürliche Einsetzung Christi hinweg, ich löse ein wesentliches Element der Kirche auf.
Wenn Bergoglio aber ganz offensichtlich nicht Lehrer des Glaubens und nächste Richtschnur für meinen Glauben ist, so offensichtlich, daß es jedes Kind anhand des katholischen Katechismus’ feststellen kann, weil seine Aussagen den darin enthaltenen Lehren widersprechen, dann muß ich sagen: „Bergoglio ist nicht katholischer Papst, er ist nicht mein Papst.“ Er ist der Anführer einer Versammlung, welche ganz offensichtlich nicht mehr die katholische Kirche ist, obwohl sie sich noch so nennt. Die katholische Kirche ist „Feste und Grundsäule der Wahrheit“, wie der hl. Paulus schreibt. Diese Stelle ist in der katholischen Apologetik immer sehr ernst genommen worden, und zwar zu Recht.
Ich muß also bei der Behandlung dieses Problems von der wahren Natur der Kirche ausgehen, so wie Christus sie gestiftet hat. Sie ist die Arche des Heiles, nicht durch äußerliche Zugehörigkeit – zumindest nicht durch diese allein – sondern durch die willentliche Annahme der geoffenbarten Wahrheit durch den göttlichen Glauben.
Wenn ich aber den wahren Glauben bekenne, so muß ich auch wissen können, was diesem Glauben klar und offensichtlich widerspricht. Dies ist wiederum eine notwendige Folge aus dem Widerspruchsprinzip. Wenn ich weiß, daß ein Satz wahr ist, dann weiß ich auch, daß ein widersprüchlicher Satz nicht wahr ist.
Die Versammlung von Bischöfen, welche die Lehren von Religionsfreiheit etc. – wie oben erwähnt – festgeschrieben hat, und der Papst, welcher sie promulgiert hat, können auf keinen Fall die Autorität Jesu Christi besitzen. Jene Päpste und Bischöfe, welche diese Lehren weiterhin vertreten und anwenden – in der Liturgie, im neuen Gesetzbuch, Katechismus etc. – können unmöglich Stellvertreter Christi oder Nachfolger der Apostel sein als Glaubenslehrer und Hirten.

Vielen Dank für diese Ausführungen. Man kann also sagen, daß diejenigen, die die theologische Position der Piusbruderschaft vertreten, die Lehre über das Papstamt verworfen haben, um einen Papst zu haben? Dies ist wirklich ironisch. Sie wollten einen Papst so sehr, daß sie das, was die Kirche über das Papstamt lehrt, nicht mehr glauben, weil der derzeitige angebliche Amtsinhaber in diese Lehre ganz offensichtlich nicht hineinpaßt. Kann man das so sagen? Die Piusbrüder haben quasi das Papstamt für den Papst geopfert?

Ja. Sie behaupten ja felsenfest, es könne keine Kirche ohne Papst geben (z. B. Schmidberger, a.a.O. S. 41). Diese prägnante Formulierung hat natürlich einen wahren Sinn, aber nicht jenen, welchen ihr die Piusbrüder unterstellen, nämlich: Die katholische Kirche kann nie bestehen, ohne aktuell einen Papst zu haben; oder: … ohne über einen längeren Zeitraum einen Papst zu haben. Diese Auslegung des Satzes ist unzulässig, weil es ja immerhin Zeiträume gegeben hat – bis zu drei Jahre lang – wo die Wahl eines neuen Papstes auf sich hat warten lassen. Hat dann also die Kirche aufgehört zu bestehen in diesen Monaten bzw. Jahren? Offensichtlich nicht. Natürlich nicht. Den Satz „Ohne Papst gibt es keine Kirche“ in dieser Weise auszulegen, führt genauso zur Häresie wie die Auslegung des Satzes „Außerhalb der Kirche kein Heil“ durch P. Feeney, welcher in den 1950er Jahren deshalb exkommuniziert worden ist. Ich muß ein Dogma immer im Gesamtzusammenhang des Glaubens auslegen, wohin es die Kirche ja auch gestellt hat. Das Vatikanische Konzil hat definiert, daß der hl. Petrus beständig Nachfolger im Primat hat (DZ 1825). Es hat aber auch klar den Sinn dieses Glaubenssatzes festgehalten, welcher sich gegen die protestantische Ansicht richtet, der hl. Petrus hätte überhaupt keinen Nachfolger gehabt oder nur eine gewisse Zeit lang.
Die Position der Traditionalisten à la Piusbruderschaft führt ja zu der absurden Vorstellung, daß die Katholiken beim Tod des Papstes ihr Katholischsein gewissermaßen suspendieren, um dann, wenn sie gnädiger Weise den neu gewählten Papst annehmen, wieder fortzufahren, katholisch zu sein. Historisch läßt sich dies aus dem Gallikanismus/Jansenismus erklären, welcher wiederum auf dem Konziliarismus beruht, der über lange Zeit in den Köpfen herumgespukt hat. Das Konzil stehe auf gleichem Fuß, wenn nicht sogar über dem Papst. Eine Glaubenswahrheit erlange erst durch die allgemeine Annahme durch die Bischöfe oder die Gläubigen ihre verpflichtende Kraft. Nein! Eine Glaubenswahrheit wird dadurch verpflichtend, daß das katholische Lehramt – das außerordentliche des Papstes oder eines Konzils mit dem Papst oder das ordentliche allgemeine von Papst und Bischöfen – eine Wahrheit als zu glaubende vorlegt und dies entsprechend kund tut. Gerade deswegen muß ich ja wissen, ob die vorgeblichen Inhaber des Lehramtes tatsächlich die Autorität Christi verkörpern oder nicht. Sonst hängt mein Glaube und damit mein gesamtes christliches Leben in der Luft.
Erzbischof Lefebvre, Gründer der Piusbruderschaft, wollte die Frage, ob Roncalli, Montini oder Wojtyla, deren Zeitgenosse er gewesen ist, wahrhafte katholische Päpste waren, offen lassen. Schwerer Fehler! Der konservative Flügel der Piusbruderschaft hält es noch immer so und denkt damit materiell katholisch, der liberal-modernistische hat sich für ein klares „Ja“ entschieden – Ja, was da in Rom läuft, ist die katholische Kirche; Ja, Montini, Wojtyla, Ratzinger, Bergoglio sind Päpste, aber …
„In cauda venenum“, das Gift sitzt im Schwanz, sagt der Römer. So auch hier. Der Zusatz: „Ja, sie sind wahre Päpste, aber wir können ihnen in Vielem nicht folgen“, ist nicht zulässig. „Ja, aber es hat ja schon früher häretische Päpste gegeben.“ Wie, bitte? Wo sind die Beweise? Sogar P. Schmidberger muß einen seiner klassischen „Beweise“ in dieser Angelegenheit relativieren, wenn er bezüglich Papst Honorius I. schreibt: „Honorius sei (sc. von Papst Leo II.) eher wegen seiner Pflichtvergessenheit als wegen Irrlehre zu verurteilen“. (a.a.O. S. 29)
Kein vernünftiger Katholik kann sich vorstellen, wie das Vatikanische Konzil die Lehre von der päpstlichen Unfehlbarkeit definieren hätte können, wenn in diesem Punkt damals nicht absolute Klarheit bestanden hätte, daß es nämlich nie auch nur einen einzigen Papst gegeben hat, welcher als oberster Glaubenslehrer gefehlt hätte; das wäre ja völlig absurd. Aber heute soll das möglich sein:
– Vatikan2 ist katholisches Lehramt, aber es ist interpretationsbedürftig;
– Der Codex des Kirchenrechts von 1983 ist skandalös, aber gewisse Teile davon werden angenommen;
– Die Liturgie der Neukirche ist schlecht und gefährdet das Heil der Seelen, aber „wir müssen uns mit der zweifelhaften Gültigkeit der neuen Sakramente zufrieden geben“ (dixit Bi. Fellay).
Die Liste könnte noch lange fortgesetzt werden.
Jedenfalls soll der geneigte Hörer verstehen: Das katholische Lehramt von Papst und Bischöfen ist keine Wetterfahne, die sich dreht und wendet, je nachdem wie der Zeitgeist gerade weht. Dies ist seinem ureigentlichen Wesen, seinem Felssein entgegengesetzt. Für einen Katholiken ist das undenkbar. Erzbischof Lefebvre hat zwar gesagt: „Im Konfliktfall folgen wir dem katholischen Lehramt, folgen wir allen katholischen Päpsten gegen die letzten Wenigen.“ Aber diesen Konfliktfall eines wahren, aber unkatholischen Lehramtes gibt es halt nicht. Die angeblichen häretischen Päpste – Liberius, Honorius, Vigilius früher und Roncalli bis Bergoglio in neuerer Zeit – gibt es eben nicht. Liberius, Honorius, Vigilius, Johannes XXII. waren katholische Päpste, aber keine öffentlichen Häretiker, wie sich aus der Kirchengeschichte klar zeigen läßt; Roncalli bis Bergoglio sind öffentliche Häretiker, aber keine katholischen Päpste.
Beides zu vermischen, ist für den Katholiken Wahnsinn. Das Häretikersein schließt das Katholischsein und natürlich auch das Innehaben des Papst- oder Bischofsamtes im Namen Christi aus. Das ist aber vielen unserer Zeitgenossen nicht mehr klar. Diese Priester, welche die Gläubigen leiten sollten, nehmen die katholische Lehre und Theologie nicht ernst. Die Gläubigen verlassen sich aber naturgemäß auf die Priester und werden somit auf Abwege geführt.

Was antworten Sie, wenn Priester oder Gläubige Ihre schlüssigen theologischen Gedankengänge und Schlußfolgerungen als Vereinfachungen bezeichnen, welche Erzbischof Lefebvre abgelehnt hat?

Die Glaubenswahrheiten über die Konstitution der Kirche und die Zugehörigkeit zur Kirche, welche der sedevakantistischen Position zugrunde liegen, sind einfach und schlüssig. Viele Tausende haben sie verstanden!
Es gehört aber heute zu den Modekrankheiten des Geistes, daß man sich nicht festlegen will. Das ist aber bereits der Anfang vom Ende. Denn die Glaubenswahrheit, die apostolische Tradition, das „depositum fidei“, muß nicht nur von allen wahren Katholiken bekannt, sondern auch gegen alle Irrtümer verteidigt werden.
Wenn die Argumentation, welche zum Schluß führt, daß der Stuhl Petri formell vakant ist, einfach erscheint, dann ist dies ein gutes Zeichen. Ihre Grundlagen – die Unfehlbarkeit des allgemeinen ordentlichen Lehramtes und die Trennung von der Kirche durch öffentliche Häresie – sind dogmatisch gesichert. Die darauf aufbauenden Schlußfolgerungen sind „wasserdicht“; sonst wäre es ja den Gegnern ein Leichtes, sie zu widerlegen.
Selbst Erzbischof Lefebvre hat immer wieder gesagt, daß die Vakanz des Stuhles Petri zu Zeiten von Montini oder Wojtyla durchaus möglich sei. Doch er wolle nicht „entscheiden“ oder „richten“. Dabei hat er übersehen, was Christus bei Jo 3,18 sagt: „Wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet“. Die Verweigerung der Glaubenszustimmung durch Häresie, Schisma oder Apostasie ist die schwerste Sünde überhaupt, und sie hat auch die schwersten Folgen, nämlich eine vollständige Trennung von der einzig seligmachenden Kirche, die Christus gestiftet hat.
Wenn ich erkenne, daß jemand öffentlich Häresien vertritt oder in einer für alle wahrnehmbaren Weise vom Glauben abgefallen ist, dann ist mein Glaubensurteil gefordert. Es geht ja hier nicht um ein Urteil über eine Person, d. h. über ihr Gewissen (das Forum internum), sondern um ein Urteil über das, was jeder mit Augen und Ohren sehen und hören kann, also um ein objektives Urteil über objektive Tatsachen. Dazu bin ich aber in dieser grundlegendsten aller Angelegenheiten verpflichtet. Denn wenn ich nicht urteilen kann über das, was dem wahren Glauben offen widerspricht, dann heißt das notwendiger Weise, daß ich den wahren Glauben nicht kenne oder ihn nicht offen bekennen will.
Meine Antwort an jene, welche die sedevakantistische Position als vereinfachend bezeichnen, lautet also: Gebraucht euren katholischen Hausverstand, haltet euch an die gesunde Theologie; wer A sagt, muß auch B sagen.

Sind mit der Annahme der sedevakantistische Position dann auch schon alle Probleme gelöst?

Leider nicht, bei weitem nicht! Die Theologie, welche uns zwingt, diese Position einzunehmen, ist einfach und schlüssig. Aber damit beginnen die wahren Probleme eigentlich erst, wenn ich weiß, daß das unfehlbare Lehramt und das tägliche Lehramt fehlen. Wie soll ich dann den Glauben bewahren und meine Seele retten können? Aber darüber nächstes Mal!

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